Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

Seite: 49
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INNEN-DEKORATION

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PROFESSOR FRANZ SEECK—BERLIN

LANDHAUS MIT BILDHAUER-ATELIER

WOHNUNGSGESTALTUNG NACH DEM KRIEGE

VON PROFESSOR DR. EMIL UTITZ—ROSTOCK

Nach Friedensschluß werden Tausende und Tausende
darangehen, ihr Heim zu begründen. Denn die
Mehrzahl der kriegsgetrauten Ehepaare führte ein Noma-
denleben: der Mann im Felde, nur zu kurzem Urlaub im
Hinterland verweilend; die Frau in Gasthöfen, Pensionen,
bei Verwandten und Bekannten, in »möblierten Zimmern«
usw. Und viele Frauen folgten ihren Männern in die ver-
schiedenen Garnisonen, auch da nur provisorisch — wenn
überhaupt — sich einrichtend. Aber nun steht die Frage
vor der Tür: der dauernden Festlegung, der eigentlichen
Wohnungsgestaltung.

Diese stets ernste und schwere Frage ist heute so
kompliziert wie wohl noch niemals. Wohnungsmangel,
Möbelmangel, Mangel an Materialien aller Art; und Hand
in Hand damit eine sehr erhebliche Teuerung. Aber all
diese — gewiß überaus bedeutenden — Hindernisse haben
auch ihre gute Seite, obgleich sie nicht so leicht bemerkt
wird. Sie mag denen zum Tröste dienen, die jetzt vor
der sorgenvollen Entscheidung einer Heimgründung stehen.
In gewissem Sinne kann man hier sicherlich aus der Not
eine Tugend machen. Und zwar nicht wie der berühmte
Fuchs vor den bekannten saueren Trauben, der seinen
Mißerfolg unter einer Selbsttäuschung zu verbergen sucht,
sondern es handelt sich um eine »wirkliche« Tugend,
vorausgesetzt, daß man sie zu verwirklichen versteht.
Von ihr soll kurz die Rede sein!

Vor dem Kriege wurde es immer mehr und mehr
Sitte, eine vollständig fertige Einrichtung sich zu kaufen.
Man wußte, was man anlegen wollte und konnte, ging
zum Möbelhändler oder zum Architekten, besah ver-

schiedenes, prüfte Entwürfe und bestellte dann nach voll-
zogener Wahl. Auch alle Kleinigkeiten wurden mehr oder
minder gleich angeschafft, damit jegliches »zusammen-
paßt«, wie man so sagte. Denn Streben und Ehrgeiz
vereinigten sich darauf, eine »fertige« Wohnung zu be-
sitzen, etwas — wenn der Ausdruck erlaubt ist — End-
gültiges, Abgeschlossenes. Vorbilder lieferten die Muster-
zimmer, wie sie bei großen Firmen oder auf Ausstellungen
zu sehen waren. Das Heim wurde ein — in guten Fällen
geschmackvolles — Gehäuse, auf das die Eigentümer
stolz waren, und in dem sie es sich bequem machten.
Wohl kam hier und da etwas hinzu, durch Geschenke
oder, wenn Kinder sich einstellten, aber im allgemeinen
und grundsätzlich war die Wohnungsgestaltung erledigt.
Und nur bei einer sehr großen sozialen Umlagerung (etwa
gewaltiger Vermögensvermehrung) ging man daran, ein
dem erreichten Stande angemessenes, ansehnlicheres Ge-
häuse sich anzulegen. Das geschah wieder plötzlich,
indem man sich meist neu einrichtete und das Alte billig
verkaufte. Es hatte seine Pflicht getan und ausgedient.
Gewiß darf man nicht schlechthin verallgemeinern, aber
sicherlich charakterisiert dieses Vorgehen einen ganzen
Typ und nicht nur einzelne Ausnahmen.

Die schädigenden Nachteile eines solchen Verfahrens
liegen auf der Hand. Eine richtige Liebe zum Heim und
eine wahre Pflege des Heims können so nicht gedeihen;
überhaupt nicht einmal Wurzel schlagen. Wenn auch die
fürsorgliche Hausfrau darauf hielt, daß alles geräumt,
geputzt, gescheuert und geklopft wird, ist das doch nur
eine — gewissermaßen — technische Angelegenheit,
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