Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

POSSENBACHER WERKSTATTEN—MÖNCHEN

BÜRGERLICHES SCHLAFZIMMER IN NUSSBAUM

eine Frage der Sauberkeit und Ordnung. Die Haupt-
sache ist, daß gegenüber einer Einstellung, die das Heim
als etwas definitiv Fertiges betrachtet, als etwas schlecht-
hin Gegebenes, nicht jene ständige, zärtliche Betreuung
platzgreifen kann, die etwa — um an Größeres zu er-
innern — die fortdauernde Entwicklung eines lebendigen
Organismus begleitet. Und das führt zum springenden
Punkt; nämlich zur Forderung: das Heim als lebendiger
Organismus in fortlaufender Entwicklung, entsprechend
dem Lebensgang seiner Bewohner. Nicht nur daß Reise-
andenken und Geburtstagsgaben die Stadien des Daseins
an Wänden, auf Tischen usw. markieren, sondern daß
das ganze Heim in den unaufhörlichen Fluß des stets
werdenden und nie vollendeten Lebens eingestellt ist, in
keinem Zeitpunkt definitiv vollendet, sondern immer
gleichsam der Zukunft zugewandt, aber auch immer voll-
ständiger Ausdruck der gerade pulsierenden Gegenwart
und darum erst recht wohnlich; das erscheint als Pro-
gramm, das zu verwirklichen ist. Indem das Heim das
Leben seiner Insassen mitlebt, ist es dadurch in einer nie
erlahmenden Gestaltung begriffen. Immer neue Wünsche
und Bedürfnisse tauchen auf als Triebfedern des Werdens.
Die Wohnung repräsentiert sich dann — um es drastisch
auszudrücken — nicht als einmaliges Dokument, wie man
sich gerade in der Zeit einrichtete, als man sie begründete,
sondern als historischer Vorgang, der sich über Jahr-
zehnte erstrecken kann; ja bisweilen reichen sogar Jahr-
hunderte einander die Hand. Man sieht das ererbte

Gut — das meist anders ist als die neu gekaufte Antiqui-
tät, die häufig der fatale Reiz der »letzten« Mode um-
gleißt — dann gleichsam den Stamm der Wohnungs-
ordnung und anschließend die verschiedenen Jahresringe,
die wieder organisch sich anreihen; ein Wachstum vom
Nötigsten zur bequemeren Behaglichkeit, zum Luxus hin.

Gewiß wäre es kein angemessener Weg, allein mit
dem Zweckmäßigsten zu beginnen und fortlaufend in
ständiger Minderung zu dem bloß Schmückenden vor-
zuschreiten. Aber erstens läßt sich diese Trennung nicht
scharf durchführen, und zweitens wäre es pedantischer
Unsinn, an ihr streng festhalten zu wollen. Daß gewisse
Sachen schlechthin unerläßlich sind — wie Betten, Wasch-
gelegenheit, Speisetisch, Stühle usw. — versteht sich
von selbst; sie befinden sich in erster Linie der Be-
schaffungsfrage. Aber auf Schönheit wird man doch
von Anfang an nicht Verzicht leisten. Man wird gewiß
nicht die nackten Wände kahl lassen, Porzellan, Vasen
usw. völlig vertagen. Kurz, man wird irgendwie trachten,
beide Gesichtspunkte zu versöhnen: den Alltag und das
Feiertägliche. Nur daß der Alltag immer den Grund-
akkord gibt, und das Leben immer mehr und mehr —
wenn es gesegnet und fruchtbar ist — in das Feiertägliche
hineinwächst. So wird man sich da einen bequemeren
Stuhl zulegen und dort einen Klubsessel, ein hübsches
Tischchen oder eine Vitrine, wenn man genug Glas, Por-
zellan und andere Niedlichkeiten gesammelt hat; man
wird vielleicht einen schlichten Farbendruck vertauschen
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