Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT
AUG. BLUNCK.
AUSFÜHRUNG:
JUL. SCHRAMM.
FENSTERGITTER.

TRUHEN UND SCHRÄNKE

VON ELFRIEDE SCHÄFER

Sie sind wieder zu Ehren gekommen, die alten Truhen
und Schränke aus Großmutters Zeiten. Jahrzehnte-
lang hat man sich nicht um sie gekümmert, die ein ver-
gessenes Dasein führten in verstaubten Bodenkammern,
in stillen Ecken. Aber nun fehlt es plötzlich überall an
Möbeln, und da kommt einem der alte Schrank aus
Großmutters Hausrat ins Gedächtnis. Und er wird vom
Boden geholt und die Schubfächer werden aufgezogen
und da kommt mit einem leichten Geruch von Staub und
alten, alten Rosenblättern allerhand zum Vorschein, das
man nie beachtet oder längst vergaß. Da, obenauf ein
altes Morgenhäubchen mit verblaßter Atlasschleife. Groß-
mutter mag es zum »lendemain« getragen haben, zusam-
men vielleicht mit dem Tüllfichu, dessen saftgrüne Bänder
leise knistern, wenn man sie berührt. Und was mag dort
in dem Seidenpapier sein? Vorsichtig, da fallen ein paar
getrockneteVergißmeinnicht heraus. Großmutters Stamm-
buch! Wir blättern in den vergilbten Seiten und bewun-
dern die gemalten Schwalben und die aufgeklebten Blu-
men und die langen Freundschaftsverse, von Händen ge-
schrieben, die nun lange, lange ruhen. — Dann ein kleiner,
weißer Fächer. Namen sind darauf geschrieben, Daten.
— Ein Myrthensträußchen, ein Stück Schleier, ein Käst-
chen mit Orden, Kotillonorden aus Flitter und Goldpapier!
Wir ziehen ein anderes Fach auf, da sind praktischere
Dinge drin: aufgewickelte Spitzen, ein gelb geworde-
nes Kinderschürzchen und sorgsam zusammengerollte
Strümpfe, weiße, gediegene, handgestrickte Strümpfe
und oben am Rand eine prachtvolle Kante aus Kunst-
strickerei. Und so findet sich noch allerlei in dem glatten,
alten Mahagonischrank, das nun mit ihm zusammen wieder
zu Ehren kommt. — Auch in dem alten, birkenen »Se-
kretär«, der zu neuem Dasein erwacht, gibt es Uber-
raschungen, als seine große, gelbe Klappe herunterfällt
und die zierlich gedrehten Säulengalerien im Innern und
die schwarzumrandeten Schublädchen freilegt. Band-

umschlungene Päckchen Briefe mit zierlicher Handschrift
kommen zum Vorschein, ein Stückchen brennendroter
Siegellack und eine Feder, eine richtige, weiße, geschnit-
tene Gänsefeder.

Er wird ein Zierstück der neuen Wirtschaft werden,
dieser alte Schreibscbrank mit seinem bernsteinfarbenen,
warmtönigen Birkenholz! Und die Feder soll er behalten
und das Stück Siegellack auch. Und in das Geheimfach
— natürlich hat er ein »Geheimfach«! — da kommen
die Brotmarken hinein. Ach, du alter, lieber Biedermeier-
schrank, so lernst du die neue Zeit kennen! Ein anderes
Fach bleibt für die Andenken, die Briefe, und in das
mittlere, das große durchsichtige mit dem Glastürchen —
kommen die kleinen Kostbarkeiten der Hausfrau: der
japanische Netzuke, die Perlmuttschale, die kleine Elfen-
beinstatuette, das türkische Goldväschen mit den einge-
legten Korallen, der große Bernstein und die zierlichen
Porzellanfigürchen aus Kopenhagen. So haben wir ein
kleines Glasheiligtum im Herzen des alten Schrankes,
einen kleinen Schrein, der das Schönste birgt.

Zu allen Zeiten haben die Menschen mit Vorliebe
ihre Schätze — deren Wertschätzung nicht immer mit
dem eigentlichen Wert übereinzustimmen brauchte — in
besonders dazu bestimmten, meist liebevoll hergerichteten
Kästen und Schränken verwahrt. Schon in der Antike
hatte man, neben den Truhen für die praktischen Dinge,
auch solche von kostbarer Arbeit für die Schätze. Diese
kunstvoll verzierten Kästen, deren berühmtestes Beispiel
die »Lade des Kypselos« darstellt, die mit Reliefs aus
Holz und Elfenbein geschmückt ist, wurden zumeist am
sichersten Hort, im Schlafzimmer der Ehegatten, aufbe-
wahrt. Mitunter waren sie sehr groß, wie z. B. die mit
Bronzereliefs gezierten, eisenbeschlagenen Geldladen, die
man in Pompeji ausgrub. — Das Mittelalter hatte, außer
den großen, geschnitzten Truhen, Kredenzen und Schrän-
ken für die Kleider und das Linnen — auch seinen klei-
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