Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

RAUMGESTALTUNG: FERDINAND GÖTZ

AUS DEM DAMENZIMMER IM HAUSE DR. O. E.

wird ein denkender Mensch sich der Erkenntnis nicht
entziehen wollen, daß das räumliche Gestalten des Archi-
tekten vor keiner Türe eines Krankenhauses Halt machen
darf, wobei es auf der anderen Seite als etwas ganz
Selbstverständliches zu gelten hat, daß mit seinem Ein-
treten keine der weitgehendsten Forderungen, welche der
Gebrauchszweck des Raumes mit allen sanitären Beding-
ungen stellt, eine Einschränkung erleiden darf. Dieser
Sachlage muß der gestaltende Künstler klar ins Auge
sehen, und je restloser er mit seinem Schaffen in ihnen
aufzugehen vermag, um so besser. In der Hauptsache
werden es drei Forderungen sein, die dem künstlerischen
Gestalten entgegentreten und, dies kann ruhig ausge-
sprochen werden, als Reibungsflächen erscheinen. Man
kann die Forderungen umschreiben als weitgehende Be-
quemlichkeit für die Benutzer bei allen Einrichtungen,
leichte und rasche Reinigung der Räume und aller Teile
und strengste Vermeidung aller zur Staubablagerung
geeigneten Flächen und Kanten. Im Operationssaale und
seinen Nebenräumen werden diese Bedingungen schärfste
Erfüllung verlangen, aber der Preis, um den dort künst-
lerisch zu ringen ist, lohnt die Mühe.

Im Operationssaale eines kleinen Krankenhauses hatte
man dem »Uberflüssigen« zu diesem Räume ein kleines
Hintertürchen aufgemacht und die helle Wand in kräftigen

Schriftzeichen mit Sprüchen geschmückt, die den Kranken
ein Zuruf sein sollten. Aber diese kommen alle im Be-
täubungszustande in den Raum. Diesen wirklich Betäubten
möchte man die geistig Betäubten gegenüberstellen, welche
nicht daran glauben zu können vermeinen, daß Einrichtung
und Gestaltung auch eines Operationssaales unter dem
Gesichtspunkte einer höheren künstlerischen Einheit vor sich
gehen kann und soll. Unter der großen Lichtfülle, die vom
Operationserker durch die mattgeätzten Scheiben herein-
flutet, leuchtet das Metall der in geschlossenen Gruppen
über den weißen Becken vereinigten Armaturen auf; ein
Blitzen und Leuchten liegt auf dem hellen Fliesenbelag der
Wandflächen, für den Einfarbigkeit oberster Grundsatz
sein kann, ohne daß ein sehr zurückhaltendes Gliedern in der
Fläche durch Farbe ausgeschlossen zu sein braucht. Die
oberen Wandteile darüber und die Decke in einer neutralen,
hellen und matten Färbung, die Türen als glatte, emaille-
gestrichene Flächen, die mit den Glastafeln der eingebauten
Schränke im rhythmischen Wechsel stehen, die stumpf-
farbigen Fliesen des Bodens, es ist eine Fülle von Ele-
menten, die sich unter der gestaltenden Hand zu einem
harmonischen Gesamtbilde zusammenschließen — kann,
ohne daß auch nur einer berechtigten Forderung wehe
getan, ja sogar das Ausspritzen des ganzen Raumes mit dem
Strahlrohr erschwert zu werden braucht, (schluss s. 111.)
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