Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

109

FR1EDMANH & WEBER—BERLIN

WEISSLACKIERTE GAR! EN MÖBEL

NACH DEM KRIEG

VON AUGUST HIRSCHING (STUTTGART)

Der Krieg ist aus. Zwar bereiten uns seine letzten
Zuckungen noch manche bange Sorgenstunde, zwar
haben die Geburtswehen einer neuen Zeit unser Volks-
leben auf's heftigste erschüttert und erschüttern es noch,
aber der Krieg ist aus. Schon beginnen seine Schrecken
sich allmählich zu mildern, beginnen die grausigen, in
Blut und Feuer getauchten Bilder, die er uns gebracht,
langsam zu verblassen.

Neue Aufgaben, neue Pflichten, noch dringlicher viel-
leicht, und schwerer noch vor allem zu erfüllen, als die
bisherigen, treten an uns heran.

Es gilt heute, unsere heiligsten Güter zu wahren; frei-
lich in einem ganz anderen Sinne und mit ganz anderen
Mitteln, als es früher einmal gefordert wurde.

Nicht nur für uns, aber ganz besonders für uns Deut-
sche gilt es heute, das große Erbe einer alten, durch den
Fleiß und das Streben der Jahrhunderte errungenen Kultur
sicherzustellen und zu erhalten. Einer nachfolgenden
Generation wenigstens in ideeller Hinsicht das auf uns
Überkommene ungeschmälert zu hinterlassen. — Wir sind
imstande, es zu tun, wenn wir alle inneren, geistigen
Kräfte zusammenfassen, wenn wir uns bewußt werden,
daß die geistigen Kräfte in erster Linie es sind, die einen
gesunden Wiederaufbau des alten, morsch gewordenen
Staatsgebäudes ermöglichen.

Es gab schon einmal eine Zeit, vor hundert Jahren,
wo auch unser Volk trotz politischer Ohnmacht und mili-
tärischen Niedergangs in ideeller und kultureller Hinsicht
eine Blütezeit ersten Ranges durchleben durfte.

Es schließt das eine das andere nicht aus. Man sagt
zwar im allgemeinen, daß politische Macht und weltliche
Größe die Vorbedingung seien zum künstlerischen Auf-
schwung. Doch nicht immer ist dies der Fall. Unser
gewiß beispielloser Aufschwung, der diesem Krieg voraus-

gegangen, hat jedenfalls im Laufe der Zeit eine Über-
kultur gezüchtet, die ihrerseits sowieso zu einer Kata-
strophe in irgend einer Form geführt haben müßte, wäre
sie nicht auf diese Weise über uns hereingebrochen.

Die näheren und entfernteren Gesamtumstände frei-
lich, unter denen wir diese Katastrophe erleben, sind
bitter. Wir alle sind die Leidtragenden dabei.

Ein ungeheurer Teil der Volkskraft und des Volks-
vermögens ist für utopistische Ziele geopfert worden, ein
weiterer großer Teil wird zur Tilgung unserer Riesen-
schulden verwendet werden müssen.

Der schier unverwüstlich scheinende Wohlstand un-
seres Volkes ist auf's schwerste geschädigt, alle Sorgen
sind heute in erster Linie auf das Materielle gerichtet.

Hierin gerade liegt für uns und für unsere ganze Zeit
eine große Gefahr, deren wir uns nicht eindringlich genug
bewußt werden, auf die wir nicht ernst genug hinweisen
können und müssen.

Im Materialismus droht unser Volk zu ver-
sinken, im Materialismus droht unser hohes, den
Idealen des Geistes geweihtes Kulturleben zu
ersticken. — Das wäre von allem Schlimmen das
Schlimmste, was uns passieren könnte.

Ein völliger Niedergang des deutschen Volkes in
jeder, aber auch jeder Hinsicht wäre die Folge. Seien
wir uns dessen bewußt. Hüten wir uns, dieses geistige
Moment zu unterschätzen und über den äußeren Sorgen
und der Not des Alltags diese ernste Aufgabe der Zeit
zu vernachlässigen und zu vergessen.

Unsere Ideale wenigstens, unser im weitesten
Sinn in der künstlerischen Kraft bestehendes
Volksvermögen zu retten, und aus diesen bösen
Tagen in bessere Zeiten hinüberzuführen, ist
heute eines der dringlichsten Gebote der Stunde.
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