Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

CARL O. BEROSTEN—STOCK HO LM

WOHNHALLE EINES LANDHAUSES

GESCHMACK UND ERZIEHUNG

Die Bedeutung, die der Ausbildung des kindlichen
Geschmackes in der Erziehung im allgemeinen
beigemessen wird, ist im Einklang mit der Einschätzung
des Geschmackes im Leben überhaupt ziemlich gering.
Wer viel weiß, wird höher eingeschätzt, als wer guten
Geschmack verrät und der sogenannte Geschmack unserer
Gebildeten ist in Wirklichkeit ein auf Wissen und Kennt-
nisse zurückgreifendes Urteil oder Vorurteil, nicht aber
ein ursprünglicher, untrüglicher Sinn. Viele glauben,
Geschmack bestehe in der Kenntnis überlieferter Kunst-
formen und suchen demgemäß den Geschmack durch
kunstgeschichtliche Unterweisung zu lehren. Stilvoll und
geschmackvoll ist für sie dasselbe, und so braucht man
nur die verschiedenen »Stile« zu kennen und sich für
irgend einen oder eine Kombination mehrerer zu ent-
schließen, um sich Geschmack erworben zu haben. Dies
setzt aber eine gewisse Abstraktionsfähigkeit des Men-
schen voraus, weshalb man mit der Geschmackausbildung
erst sehr spät anfängt — so in Prima, gewissermaßen als
Dessert des leckern Bildungsmahles, das denn überhaupt
nur den Kindern vornehmerer Leute gereicht wird,
während der Volksschüler leer ausgeht. Diese Auf-
fassung, welche Geschmack mit oberflächlichem Kunst-
kennertum identifiziert, ist indessen durchaus hinfällig.. .

— Geschmack ist niemals lehrbar, höchstens durch Bei-
spiel anerziehbar. Da nun erfahrungsgemäß derMensch
in seinen ersten Jugendjahren am leichtesten durch Bei-
spiel zu beeinflussen ist und zwar nachhaltig, so ergibt
sich die Notwendigkeit, mit der Geschmackausbildung
möglichst frühe zu beginnen; nicht Dessert, vielmehr
die Grundlage aller Erziehung sollte sie bilden. Im
vierten Lebensjahre, ja noch früher hat sie einzusetzen,
oder besser gesagt, von dem Zeitpunkt ab, wo Kinder
anfangen ihre Umgebung und sich selbst zu betrachten,
d. h. zu beurteilen. Der Geschmack der meisten Menschen
setzt sich aus Gewohnheiten zusammen, wie überhaupt
der ganze Mensch. Was das Kind in frühester Jugend
in seiner Umgebung gesehen hat, was ihm als schön und
gut gepriesen wurde, und was es gewohnheitsmäßig als
solches anerkannte, das gibt den Maßstab für jede
spätere Beurteilung, wie auch die Richtschnur für
die eigene Gestaltung ab. Als Gegenstand, auf den die
kindliche Aufmerksamkeit sich notwendigerweise zu-
nächst richtet und der demnach erstes Objekt des Ge-
schmackes ist, ko mmt zweifellos dieKleidungin Betracht.
Hier setzt bewußt oder unbewußt die Einwirkung der
Mutter auf die weitere Geschmacksbildung des Kindes
ein. In zweckmäßiger, gesunder Kleidung, die deshalb
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