Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

KUNSTGEWERBESCHULE''FLENSBURG

»WOHNRAUM« ENTWURF: ANTON HUBER

Beharrungsvermögen der großen Masse entschied sich für
die Beibehaltung des Bestehenden, Gewohnten, der gang-
baren Marktware. Die Marktware war billiger, das allein
gab zumeist schon den Ausschlag; und dem Neuen fehlte
die Uberzeugungskraft. Es reizte nicht zum Kaufe. Die
positive neue Form war noch nicht gefunden.......

Krieg und Revolution haben nunmehr Umwälzungen
und Umwertungen auf allen Gebieten vollbracht. Die
Freude am Heim ist nicht wesentlich gestiegen. Der Be-
sitz an sich beginnt problematisch zu werden. Der Pro-
duktion, zumal der Qualitätsproduktion erwachsen aus der
Materialfrage immer neue Schwierigkeiten. Es gilt nicht
mehr, solidestes Material, sondern Ersatz zu verarbeiten.

Aber dringlich, dringlicher wie zuvor liegt das
Problem wieder zu Tage: Läßt sich für den einfachen
Mann ein schlichter, brauchbarer Hausrat zu mäßigem
Preis in solch ansprechender Form herstellen, daß
er Anklang und Absatz bei der großen Masse findet?

Wie kann der Hausrat des einfachen Mannes, des
seiner Bedeutung im neuen arbeitenden Deutschland be-
wußt gewordenen Arbeiter-Bürgers, wie kann dieser
unumgängliche und mit des Lebens Notdurft so eng
verwachsene Mindestbesitz so gestaltet werden,
daß er nicht nur zweckmäßig zu dienen vermag, son-
dern vor allem gerne gekauft wird und dem einfachen
Wohnraum genügendes Behagen gibt, um die Freude
des Bürgers an seinem Heim zu vermehren?

Man sieht: die formale Bedeutung des Problems

drängt immer deutlicher in den Vordergrund. Die Fragedes
einfachen Hausrates ist in erster Linie einFormproblem.

Welche glückliche Hand wird wohl Entscheidendes
zu gestalten vermögen? Denn letzten Endes kann doch
nur eine lebensvoll gestaltende Bildnerkraft beseelte
Formen schaffen, die wieder Leben ausstrahlen. Ein
etwa nur aus dem bisher Geschaffenen abstrahierter
Normal-Typ wird niemals Dauer haben. . . .

* * *

Die Bestrebungen, die seinerzeit von höheren und
maßgebenden Instanzen kaum beachtet wurden, finden
jetzt offizielle Förderung.

Das Kulturministerium gibt die Anregung zu einer
Ausstellung im Lichthof des Berliner Kunstgewerbe-
museums, die der Werkbund in Gemeinschaft mit der
Generalkommission der Gewerkschaften veranstaltet.
Minister Hänisch hält die Eröffnungsrede. Der Besuch
der Ausstellung ist lebhaft.

Aussteller sind einige Werkstätten für Hausrat und
Firmen, in erster Linie eine »Hausrat Gemeinnützige Ge-
sellschaft m. b. H.«, die »keinerlei Erwerbszweck ver-
folgt« und die Möbel gegen einen »auf sozialer Grund-
lage aufgebauten Abzahlungsvertrag« an Minderbemittelte
mit Einkommen bis etwa Mk. 6000, Kriegsbeschädigte
usw. abgibt. Gesellschafter des Unternehmens sind
Provinz, Städte, Gemeinden, Firmen der Metall-Groß-
industrie. Von derartigen Hausrat-Gesellschaften haben
sich bis jetzt etwa zwanzig aus Nord- und Süddeutsch-
land zu einer freien Vereinigung zusammengeschlossen.
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