Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

ESSZIMMER-
STUHL IN
EICHENHOLZ

leonischen Kriegen. Deutschland erkämpfte sich damals
freilich die Freiheit. Das ist ein Unterschied gegenüber
unserer heutigen Lage. Aber diese Freiheit sah wirt-
schaftlich kaum viel rosiger aus als der Friede, dem wir
entgegengehen. Jedenfalls wäre damals gerade vom Stand-
punkt der Gewerbeaus einesehrpessimistischeBetrachtung
der Zukunft fast ebenso gerechtfertigt gewesen wie heute.

Seit 1790 hatte Preußen begonnen, provinziale Kunst-
schulen zu errichten; erste Ansätze einer Unterrichts-
organisation, die groß geplant war und die bei friedlicher
Entwicklung segensreich hätte wirken können. Die Kriege
zerstörten alle diese Keime. Ich lese in Heinrich Waentigs
»Wirtschaft und Kunst«:

»Namentlich die Provinzialkunstschulen wurden fast
völlig vernichtet. Die von Halle, Magdeburg, Danzig
und Erfurt verschwanden spurlos, die von Breslau und
Königsberg fristeten bei notdürftiger Subventionierung
ein ruhmloses Dasein. Und als sich der Staat dann end-
lich von seiner schweren Niederlage zu erholen begann,
waren es die mechanisch-technischen Institute, denen sich
das öffentliche Interesse zuwandte.«

Wie ist nun in der Tat die Wirkung der Verarmung
auf die Gewerbe gewesen? Nun, Sie wissen, daß das
deutsche Gewerbe, vor allem die deutsche Möbelerzeu-
gung, selten die Höhe des Geschmackes, die Innerlichkeit
der Auffassung, die Tiefe und Echtheit der Gesinnung
erreicht hat, wie sie im Stil der Biedermeierzeit her-

vortreten. Die wilde Zeit, die vorübergerauscht war,
hatte den Deutschen im Geistigen stark auf seine Inner-
lichkeit verwiesen. Auf diese Innerlichkeit, die mit
fließenden Grenzen in eine »bornierte Häuslichkeit« über-
geht. Die Armut, die Krieg und Revolution hinterlassen
hatten, schränkte ihn materiell ein. Sie verbot jeden
Luxus. Aber diese Beschränkung war es gerade, die
jene innige, echte, gemütvolle und wohl auch etwas haus-
backene »Deutsche Form« erzeugte, vor deren Feinheit
und Geschlossenheit wir heute noch bewundernd stehen.
Das angeführte Werk sagt darüber:

»Dennoch entsprach der wirtschaftlichen Verarmung,
der ganz Deutschland infolge einer siebenjährigen Okku-
pation anheimgefallen war, mit nichten ein gleicher Tief-
stand der angewandten Kunst. Es entstand gerade damals
jenes bürgerliche Nachempire, der Stil der Biedermeier-
zeit, nach Rosner »der treffende Ausdruck für den be-
scheidenen Geschmack jener unendlich nüchternen, zu-
rückgezogenen und hausbacken strengen Zeit der späteren
Restauration«, die keinen Wunsch nach Zierat, nach
künstlerischem Schmuck übrig hatte, und die den ein-
fachsten Ausdruck zur Lösung der Fragen ihrer gewerb-
lichen Bedürfnisse den besten nannte — etwa wie sie vorlieb
nahm mit der in schwarzes Papier geschnittenen Silhouette
ihrer Lieben dort, wo sonst wohl das farbige Porträt ge-
hangen. Immerhin ein Stil, der einer späteren Epoche
als eine künstlerische Offenbarung erscheinen konnte.«
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