Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

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dem Aufwand an Mitteln keinerlei entscheidende
Bedeutung zukommt. Um die Bewältigung
bandelt es sich, nicht um die bewältigten Massen
an Material, Geldwert, Arbeit. Die Form des
Biedermeier ist schlichter, flacher, invulsiver als
die der Renaissance. Aber sie ist beherrschendes
Durchringen einer Gesinnung, einer Geisteskraft
durch Widerstände von Zwecken und Stoffen,
wie jene. Das entscheidet. — Es wird also wohl
eine innere Umstellung unserer Zweck-
künste nötig werden. Aber Form wird in ihnen
genau so kraftvoll leben können wie unter den
früheren, reicheren Verhältnissen. Der Form-
kraft gegenüber ist die Frage eines reicheren
oder bescheideneren Materials fast so unwichtig
wie die Frage des Papiers, das ein Dichter zu
seinem Manuskript verwendet. (Ich sage: fast,
und im übrigen ist es Art aller Vergleiche, zu
hinken.) Geschlossenheit des Weltbildes, zügige
Durchführung herrschender, echter Gedanken,
allseitige Auswirkung einer bestimmten Stilge-
sinnung — darauf allein kommt es an. — Die
innere Umstellung, die die Verarmung unseren
Gewerben aufzwingt, wird nicht von heute auf
morgen erfolgen können. Sie wird insbesondere

SESSEL AUS DEM EMPFANGSZIMMER

Wie denken Sie darüber? Scheint es Ihnen
nicht erlaubt, diesen Vorgang als ein günstiges
Omen für die heutige Lage des Kunsthand-
werks aufzufassen? Gewiß: unser Kunstge-
werbe war bis zum Kriege fast durchaus auf
die Luxusproduktion eingestellt. Es wurde
wohl auch für bescheidene Bedürfnisse gesorgt.
Aber das Maßgebende der kunstgewerblichen
Leistung vollzog sich in einer Sphäre des
Reichtums. Sie betonen das in Ihrem Schrei-
ben ganz richtig. Hinter unserer kunstgewerb-
lichen Produktion stand durchaus die unge-
heure Prosperität unserer Industrie und unseres
Handels. Bis tief in das Formale hinein spürte
man den Dämon des Reichtums, die herrische
Üppigkeit einer uferlosen wirtschaftlichen Ex-
pansion. — Aber wollen Sie daraus folgern,
daß wir nun auf »Form« überhaupt verzichten
müssen, weil wir wahrscheinlich keine Form
der Üppigkeit mehr pflegen können? Sollte die
materialistische Geistesverwüstung bei uns so
weit gediehen, sein? Form ist doch wohl nur
ein Sonderfall des Machtverhältnisses zwischen
Geist und Stoff. Form ist eine charakteristi-
sche Auswirkung der Gestaltungskraft, in der

EDUARD PFEIFFER. MAHAGONI-STUHL AUS DEM EMPFANOSZIMMER
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