Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

zu machen. Bei der Plastik
können zunächst die Kosten
für die Materialien gespart
werden. Statt des landfrem-
den, teuren Marmors kön-
nen wir den bodenständigen,
weit billigeren Kalkstein ver-
wenden, statt der Bronze,
wie kürzlich die Berliner
Ausstellung von Eisengußar-
beiten aus der Biedermeier-
zeit gezeigt, das Eisen, dann
weiter Holz oder keramische
Stoffe. Sie alle vermögen
durchaus Grundlage einer
wirklich gesunden Plastik zu
sein. Und dann kann auch
hier wieder die Mechanik
stark kostenersparend wir-
ken. Statt Bilder und immer
nur Bilder zu malen, bilde
man nur zur Erlangung künst-
lerischen Wandschmucks die
graphischen Künste weiter
aus, vor allen den farbigen
Steindruck, die farbige Ra-
dierung, den Farbenholz-
schnitt, mit denen wir ja
schon einen so schönen An-
fang gemacht haben. Ihre
Erzeugnisse wirken ja auch
in unseren Wohnräumen, wie
wieder die Biedermeierzeit
gelehrt, meist viel ruhiger
und dekorativer, als die meist
sehr undekorativ gehaltenen,
sich leicht schwer gebenden
Gemälde in ihren oft so plum-
pen Rahmen. Und für die
Plastik steht der Guß zur
Verfügung, daneben die
Formbarkeit der keramischen
Stoffe, die vor allem in der
Porzellanplastik, wofern die-
se nur besser durchgeführt
wird, als meist bisher, zu den
reizvollsten kleinplastischen
Schöpfungen führen kann,
die uns zugleich auch eine
polychrome Plastik besche-
ren. So können also auch
reine Kunstwerke, ohne all-
zuviel Kosten zu verur-
sachen, hergestellt werden
und uns darum auch in Zu-
kunft in ausreichender Fülle
zur Verfügung stehen. —
Will aber daneben auch die
Kunst, die wirkliche Origi-
nale schafft, bestehen, dann
überlege diese, daß sie sich
eben in Zukunft voraussicht-
lich an ein in vieler Beziehung
ganz anders geartetes Publi-

PROF. ED. PFEIFFER. TQRLA1BUNG IN EICHE MIT SCHNITZEREI

kum zu wenden hat, als bis-
her. Die Zeit der reinen
Ästheten, die wegen allzu-
viel Zeit und Muße so viel
an Kunst sahen, daß ihnen
das Natürliche, das Selbst-
verständliche nicht mehr be-
hagte und die darum nur zu
bald nach stets neuer und im-
mer ungewöhnlicherer Kost
verlangten, wird bald vor-
über sein, wenn ihnen das
allgemeine Sinken des Wohl-
standes diese Muße raubt,
und jene Schichten, die ne-
ben ihnen emporkommen
und sich mit ihnen mischen
werden, werden, noch fri-
scher und weniger verwöhnt,
wenn sie Opfer für diese
Kunst bringen wollen, ganz
anderes verlangen als jene:
wieder Natürlicheres, Selbst-
verständlicheres, Allgemein-
gültigeres, etwas, was schon
inhaltlich den allgemeinen
Empfindungen, den allge-
meinen Gedanken- und Vor-
stellungskreisen der Zeit ent-
gegenkommt und dies in
einer Auffassung, in einer
Form, die auch den noch
nicht zu Verfeinerten ver-
ständlich ist. Zu allen Zei-
ten hat sich ja früher die
Kunst an das sie umgebende
Leben gewandt, hat Erschei-
nungen, Empfindungen und
Ideen versinnbildlicht, die al-
len mehr oder weniger ge-
läufig waren, die auch alle
interessierten und fesselten
und diese bald mehr reali-
stisch, bald mehr idealistisch,
immer aber in einer auch ei-
ner größeren Menge begreif-
lichen Weise zum Ausdruck
zu bringen gesucht. Erst un-
serer Zeit war es vorbehal-
ten, die »Kunst um der
Kunst« willen zu erfinden,
die Problemmalerei zu ent-
decken und an die Stelle
der Gegenstandsmalerei zu
setzen, war es vorbehalten,
die oft, ach nur zu kleine
Individualität, das liebe Ich
und nur dieses allein mit
aller Rücksichtslosigkeit zum
Ausdruck zu bringen und
hierbei nur zu oft das Or-
ganische der Natur, das doch
sonst Grundlage aller Kunst
gewesen, zu verachten. Sie
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