Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

Page: 254
DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1919/0274
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
RAUMGESTALTUNG UND RAUMGELENKE

VON PROFESSOR DR. OSKAR STRNAD—WIEN.

Ich möchte hier von Dingen sprechen, die uns umgeben,
die immer auf uns wirken, deren Wirkung wir immer
spüren und doch nur selten nachprüfen. Sie wissen alle
aus Erfahrung, daß ein leeres Zimmer im allgemeinen
ungemütlich wirkt und daß ein eingerichtetes Zimmer
verschiedenartige Wirkungen ausüben kann. Sie werden
sicher alle schon erfahren haben, daß eine Wohnung
durch eine andere Stellung der Möbel eine vollständig
andere Raum Wirkung erhält. Das gibt zu denken: es hat
sich am Räume selbst nichts geändert und doch erhalten
wir eine vollständig neue Wirkung des Raumes.

Ein unmöbliertes Zimmer sieht gewöhnlich kleiner aus
als das möblierte. Ein Zimmer sieht ohne Vorhänge
leerer aus, als mit Vorhängen. Sie wissen aus Erfahrung,
daß das Möbelstellen eine Kunst ist, die nicht jeder gleich-
artig beherrscht. Man versucht gewöhnlich dieses und
jenes, stellt den Kasten dorthin, den Tisch hierhin, um
eine angenehme Wirkung zu erhalten. Jeder weiß, daß
das Dinge sind, die merkliche Einflüsse auf die Wirkung
des Raumes ausüben. Aber nur selten wird sich jemand
Rechenschaft geben können, welches eigentlich die Gründe
sind, daß sich der Raum in seiner Wirkung verändert.

Es wird gut sein, vorerst zu versuchen, uns klar zu
werden, was eigentlich Raum ist. Der Begriff ist
eigentlich für uns nicht faßbar. Man kann sich den Raum
nicht wegdenken. Ob wir die Augen offen oder ge-
schlossen halten, ob wir hören, sehen, riechen, tasten,
der Raum ist da, wir können ihn aber mit keinem unserer
Organe fassen. Es gibt für den Raum kein Ende, keinen
Anfang. Die Schwierigkeit der Raumvorstellung an und
für sich folgt daraus. Raumvorstellung gibt es erst
durch eine vollständige Begrenzung des Raumes,
durch ein Abschließen. Das Gefühl für den Raum
ist die Vorstellung seiner Größe; das, was wir fühlen,
wenn es um uns weit wird, wie auf einer Wiese und am
Meer, oder wenn es uns eng wird in einem kleinen
Zimmer, ist die Fähigkeit, den Raum in seinen
Massen zu begreifen. Es ist wohl unnötig zu sagen,
daß unser Auge das Organ ist, um abgegrenzten Raum
zu begreifen, um Raumwahrnehmung zu machen.

Es dürfte verständlich sein, daß unsere Fähigkeit,
Raum wahr zu nehmen, nicht eine einfache Tätigkeit ist,
sondern aus zwei getrennten Funktionen besteht. Wir
sehen zuerst mit den Augen, wir erhalten also ein Bild
und schätzen nun die Weite vor uns, den Raum vor uns
aus unseren Lebenserfahrungen ab. Wir lernen das von
Kindheit an, und tun das so oft im Leben, daß es uns
nicht mehr bewußt wird und wir es selbstverständlich tun.

Um bewußt Raumbildungen zu schaffen, die ein ein-
heitliches Erfassen ermöglichen, die also klares, ruhiges
Raumgefühl erzeugen, müssen die Elemente, die mir
die Möglichkeit bieten, Raum mit den Augen abzutasten,
so gruppiert sein, daß das Auge in gleichmäßiger und
einfacher Weise sie alle auf einmal erfassen kann.
Nur wenn das gelingt, wird der Raumeindruck über-
zeugend und selbstverständlich sein. Diese Elemente
sind ja selbst wieder Körper, die wir an gewissen charak-
teristischen Eigenschaften aus unseren Erfahrungen kennen.
Ob das nun Baum, Gartenzaun, ob das Säulen, Pfeiler,
Sessel,Tische, Kasten oder sonst was sind, ist gleichgültig.

So muß demnach auch an der Wand eines Raumes
irgendwo eine deutliche Linie sein, die uns ein sicheres
Mittel gibt, die Länge der Wand abzuschätzen. Eine
ganz weiße Wand, auf der sich gar nichts befindet, und
die oben ohne betonten Abschluß endet, auf der auch
keine Decke liegt, gibt dem Auge keinen Halt; das
Auge ist nicht imstande, zu tasten, so wie der Blinde
nicht tasten kann, wenn er nichts greift. Es müssen sich
also auf der Wand irgendwelche Möglichkeiten des
Abiesens, des Abschätzens befinden, um überhaupt
das Gefühl der Tiefe eines Raumes erhalten zu können.
Die Mittel, um die Wand ablesbar zu machen, können
die verschiedenartigsten sein, z. B. Fenster, Pflaster,
Kästen, Bildwerke usw. Von der Art ihrer Beziehung
untereinander hängt die Wirkung ab, welche wir für die
Raumgröße erhalten. Wenn sie so verteilt sind, wie die
Bäume im Wald, zufällig, dann wird auch die Raum-
wirkung eine solche werden, wie im Wald, sie wird sich
zerstückeln; wir werden den Wald vor Bäumen nicht
sehen. Wenn es uns gelingt, Beziehung zwischen
diesen Dingen — nennen wir sie, damit wir uns leichter
verständigen, Raumwerte — herzustellen, so wird die
Art und Weise dieser Verbindung einen Einfluß auf die
Raumwirkung ausüben. Wenn z. B. Säulen in gleichen
Intervallen stehen, so erhalten wir eine ruhige, gleichartige
Anregung, machen förmlich eine gleichartige Bewegung
durch den Raum. Eine Verstärkung dieses Eindruckes
könnten wir erhalten, wenn wir nicht nur am Fußboden,
sondern auch überuns eine Möglichkeit des Abiesens ein-
schalten, das heißt, wenn wir Raumwert mit Raum-
wert verbinden. Denken Sie sich von Raum wert zu
Raum wert eine Verbindung im Bogen, so geht das Auge un-
willkürlich den Raumwert im Bogen ab, es geht hinauf und
herunter, noch einmal hinauf und herunter und so fort, bis
es nach rückwärts kommt. Oder denken Sie sich diese Ver-
bindung durch eine Horizontale, so geht das Auge ruhig die
Länge durch und erhält immer nur dort, wo sich die Verti-
kale mit der Horizontalen berührt, einen Moment einen
Stillstand. Das ist eine wichtige Stelle, die besonders be-
zeichnet werden muß, damit das Auge nicht selbst
etwas dazu zu tun braucht, so daß der Raumeindruck
dadurch ein sicherer und klarer wird. Je weniger wir
aus unserer Erfahrung dazutun müssen, um Raum
wahrzunehmen, desto stärker und beruhigender
ist das Raumgefühl. Diese Stellen, an welchen sich
die Bewegung bricht, sich ändert, von einer Flächen-
vorstellung zu einer Tiefenanregung geht, entsprechen
gewissermaßen den Gelenken am menschlichen Körper,
die diesem die Möglichkeit bieten, Bewegungen aus-
zuführen. Bezeichnen wir sie daher kurzweg als Gelenke:
so treffen wir damit das, was man gewöhnlich unter
Kapitäl, unter Basis, unter Gesims versteht. Mit
feinem instinktiven Sinn hat man erkannt, daß hier ein
Wechsel vor sich geht, der bezeichnet werden
muß, und je delikater diese Bezeichnung gestaltet ist,
d. h. je zarter diese Gelenke sind, desto größer, desto
eleganter und vornehmer wird der Gesamteindruck. Wie
die Gelenke eines Bauern, einer eleganten Dame, wie die
Gelenke eines Elefanten und einer Gazelle. Das Formen
dieser Gelenke, das Erkennen ihrer Wirkungsnot wen-
loading ...