Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT LUDWIG CONRAD1 —BARMEN SPEISEZIMMER IM HAUS HARTMANN

nüchtern und arm, aber doch immer ruhig, schlicht und
klar. In den Landhäusern schließt er sich verständnisvoll
den Forderungen heimatlich bewährter Weise an. Wenn
auch die Innenräume wie die großen äußeren Formen und
Silhouetten behäbigen Wohlstand deutlich zur Schau
tragen — so ging er doch glücklich allem bloß Prunk-
haften, allem Aufgebauschten aus dem Wege. Daß er
ein Könner und Fühler, zeigt'sich besonders augenfällig
in seinen Eingangsbauten und Räumen. Sein Verständnis
für beste alte Architektur seiner engeren Heimat, sein
Sinn für vornehme, ruhige Ausgeglichenheit kommt bei
seinen Haustüren und Vorräumen des Hauses ganz beson-
ders glücklich formal heraus. Er weiß einzuladen. Er
weiß — unabhängig von Material und Reichtum — klar
und bestimmt sich architektonisch auszusprechen. Ohne
als Erfinder neuer Formen oder dekorativer Motive beson-
ders hervortreten zu wollen, fügt sich seine Art im großen
vortrefflich in das Bild der deutschen Architektur der

letzten Gegenwart.....Ist das Vorzug oder Mangel?

Das ist eine Frage von entscheidender Wichtigkeit. Wie
die Antwort fällt, zwingt sie uns zum kulturellen Urteil.

Zur Klärung der Frage diene eine Erinnerung an das
so bunte und reiche Bild der Malerei und Graphik von
heute. Welch' ein Gegensatz zum Gesamtbild architek-
tonischen Schaffens. Während die Bildhauer noch eher
den Architekturtendenzen der Zeit, wenn auch schon
unklar, nicht mehr geschlossen, folgen, stehen in Malerei

und Graphik die denkbar gegensätzlichen Schöpfer, For-
mer, Erfinder, Wandler nebeneinander, teils in versöhn-
licher, teils feindlicher Haltung. Man muß nicht nur an
die zwei willkürlich getrennten Richtungen des »Impres-
sionismus« und »Expressionismus« denken, man muß
die einzelnen markanten Persönlichkeiten nebeneinander
sehen, nebeneinander schaffen sehen, um mit einem
Schlage zu fühlen, wie ganz anders das Gesamtbild der
deutschen Malerei und Graphik aussieht als das Gesamt-
bild der deutschen Architektur.

Welche Uniformität, welche Gemeinsamkeit des Füh-
lens, Könnens, Wollens, Unterordnens hier — welche
Ungebundenheit, Dissonanz, Freiheit, Mannigfaltigkeit
der Persönlichkeiten aber in Graphik und Malerei der
Gegenwart. — Mag die eine oder andere Persönlichkeit
in der Kunst der Fläche über- oder unterschätzt werden
— sie stehen doch alle fest neben- oder gegeneinander
und das Bekenntnis zu einer nur aus vielen würde für den
einzelnen Betrachter einen ebenso großen kulturellen Ver-
lust, einen ebenso schweren Verzicht auf Gegenwarts-
genuß bedeuten, wie die künstlerisch geförderte Vor-
herrschaft einer Richtung. . . . Wo soll das hinaus? . . .

Sind die Persönlichkeiten von heute viel weniger viel-
leicht in der Architektur als in Malerei und Graphik zu
finden? Und sollen wir die Architektur von heute eben
wegen der fast mangelnden Dissonanzen im großen und
ganzen als geringwertiger, als weniger lebendig und aktiv
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