Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

Seite: 304
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INNEN-DEKORATION

TECHNISCHE VOLLKOMMENHEIT

Der vordere Teil des Speyerer Domes wurde 1789
von den Franzosen zerstört. Es kam zur Wieder-
herstellung. Dabei wurde auch von einem ornamentalen
Fries, der sich unterm Hauptgesims hinzieht, das zer-
störte Stück ergänzt, selbstverständlich in genauer Nach-
bildung des erhaltenen Teiles. Der Unterschied fällt
trotzdem stark ins Auge: der ergänzte Teil wirkt seelen-
los, trocken, maschinell. Statt des äußeren Mangels ist
ein innerer Riß aufgetan, den selbst der ungeübte Blick
unmöglich übersehen kann.

Das Streben nach technischer Vollkommenheit
gewerblicher und architektonischer Formen liegt tief im
menschlichen Wesen begründet. Wir können unserer
Natur nach, sobald wir als Ausführende vor einer solchen
Form stehen, die Aufgabe nur so auffassen, daß wir nach
möglichster Präzision, Regelmäßigkeit, Mühelosigkeit
streben. Die vollkommene Niederringung der technischen
Widerstände steht als Arbeitsziel unzweideutig in unserm
Bewußtsein. Ist dieses Ziel aber erreicht, so stehen wir
betroffen vor dem Ergebnis: der Reiz ist dahin, die Seele
halb entflogen. Der niedergerungene Stoff rächt sich an
der meisternden Menschenhand dadurch, daß er das
Wesentlich-Seelenhafte der entstandenen Form unmerk-
lich in seine Niederlage mit hinabzieht. Daraus ergibt
sich, daß irgendwie das Wesentliche der gewerblichen

Form an eine gewisse Unvollkommenheit gebunden sein
muß. Es ist die moderne technische Entwicklung, be-
sonders der Meßverfahren und der Maschine, die dem
Menschen diese Selbstwiderlegung seines bewußten Voll-
kommenheits-Strebens geliefert hat.

Sollte aber der Fehler wirklich in diesem Vollkommen-
heitsstreben liegen, das doch so unentrinnbar mit allem
menschlichen Arbeitsgeist verknüpft ist? Kaum. Er liegt
wohl darin, daß alle unsere Begriffe von Ausführung und
technischer Vollendung sich im Laufe der Jahrtausende
an der Handarbeit entwickelt haben. Sie konnte das
bewußte Streben nach technischer Präzision nicht ent-
behren, mußte es sogar erzeugen, weil die künstlerisch
ergiebigen Unvollkommenheiten von selbst, unbewußt
und unvermeidbar, in ihre Leistung einflössen. Wir
müssen also sagen: Das Streben nach technischer Voll-
kommenheit ist durchaus gerechtfertigt; aber nur unter
der stillschweigenden Voraussetzung, daß gewisse Fehler-
quellen in der Arbeit offen bleiben. Diese Fehlerquellen
hat die Maschine verstopft. So mußten wir uns eines
Tages des künstlerischen Wertes der Unvollkom-
menheiten stärker bewußt werden, als dies früheren
Zeiten möglich war. Es ist bekannt, daß Ruskin erklärte,
kein Gebäude, kein edles Menschenwerk könne gut sein,
wenn es nicht unvollkommen sei. Technische Vollendung
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