Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

PROFESSOR PAUL SCHULTZE-NAUMBURO DAMEN-EMPFANGSSALON IM CECILIENHOF

ERZIEHUNG DER KÜNSTLER

Die kommende Zeit wird von uns äußerste Ökono-
mie der Kräfte wie der Mittel fordern, und
kein Gebiet wird ausgenommen bleiben. Deshalb ist es
nicht zu umgehen, auch im Kunstschulwesen offen zu
Tage liegende Schäden zu beseitigen, die verfügbaren
Kräfte einem geordneten Plan einzufügen, die Verwen-
dung der Mittel neu zu prüfen. Nur dann werden die
staatlichen Kunstschulen ihrer Bestimmung voll gerecht
werden können. Ihre wichtigste Aufgabe ist, aus kunst-
begabten Schülern Künstler von sicherem Geschmack
und gründlichem handwerklichen Können zu erziehen, die
imstande sind, auf das gesamte öffentliche, private und
gewerbliche Schaffen einzuwirken, soweit es auf Behand-
lung der Form, der Farbe und des Materials Einfluß
ausübt. Mit dem Erreichen dieses Zieles gewinnt die
Kunstschule unmittelbar volkswirtschaftliche Bedeutung.
Denn das deutsche Gewerbe wird die Mitarbeit des
gewerblichen Künstlers in Zukunft noch weniger
entbehren können als bisher; es wird bei der Entwertung
des Geldes, der hierdurch bedingten Lohnsteigerung und
der Beschränkung aller Rohstoffeinfuhr nicht mehr der
gefürchtete Preisdrücker mit dem billigen Ersatzartikel
auf dem Weltmarkte sein können. »Steigerung der
Qualität« darf nicht nur ein Schlagwort bleiben, sondern
muß Wahrheit und Tat werden. Unsere Textilindustrie
wird davon abhängig sein, der Tapetendruck, die Möbel-
fabrikation, die Erzeugung fast aller Gebrauchsgegen-
stände aus Metall, Leder, Holz, Glas und anderen Mate-

AN STAATLICHEN SCHULEN

rialien, und das gesamte Bauwesen. Nur wenn das
hochwertige Rohmaterial veredelt wird durch eine
maschinelle oder handwerkliche Bearbeitung, die den
hohen Lohnsätzen an Wert entspricht, ist ein Wieder-
aufbau möglich, und das ist ohne Führer mit sicherem
Geschmack und künstlerischer Schulung nicht erreichbar.

Also ist die sorgfältige Ausbildung des Kunsthand-
werkers und des gewerblichen Künstlers genau so not-
wendig, wie die des gewerblichen Arbeiters und des
Ingenieurs, und die Kunstschulen müssen deshalb so or-
ganisiert sein, daß sie diese Aufgabe erfüllen. — Neben
der Heranbildung von Künstlern für das gewerbliche
Leben ist es eine weitere wichtige Aufgabe der Kunst-
schulen, der kleinen Zahl sich zeigender überragender
Talente aller freien wie dekorativen Künste die voll-
kommenste Förderung angedeihen zu lassen. Sorfältigste
Auswahl, Pflege und Förderung dieser besonders Be-
gabten sind notwendig, denn sie müssen als die unent-
behrlichen Schrittmacher der gesamten Kunstentwicklung
und somit eines wichtigen Teiles der gewerblichen Ent-
wicklung unseres Volkes gewertet werden.

Zur Erreichung dieser beiden Hauptziele ist die Er-
füllung folgender Forderungen unabweisbar: 1. Zusam-
menfassen der gesamten Künstlerausbildung, sowohl für
die »freien«, wie für die »angewandten« Künste in der
Einheitskunstschule für Architektur, Plastik und Malerei.
2. Ausbau der Meisteratelier-Einrichtung für alle Kunst-
gebiete, auch der »angewandten« Kunst. 3. Schaffung
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