Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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GEDIEGENHEIT IM HEIM

Unser Volk muß wieder lernen, seine Luxusbedürf nisse
sparsam, aber gut zu befriedigen. Dazu wird noch
viel planmäßige Aufklärungsarbeit notwendig sein. Bei
dem eigentlichen Luxusbedarf sollte durchaus nicht in
erster Linie auf Billigkeit, sondern auf Gediegenheit
in Material und Arbeit und, wo sie in Frage kommt, auf
künstlerische Gestaltung gesehen werden. Denn
es ist doch wahrlich ein beschämender Zustand, daß wir
heute die Dinge, die Schönheit und Freude in unser Leben
tragen sollen, kaum anders werten als die täglichen Ge-
brauchsgegenstände. Erst wenn das anders wird, wenn
wir solchen Dingen, schon ehe wir sie erwerben und be-
sitzen, unsere Liebe und unsere Gedanken zuwenden,
wenn wir, wo das noch möglich ist, ihr Entstehen ver-
folgen, erst dann werden sie auch wieder den Gemüts-
wert bekommen, den sie noch für unsere Großeltern
besessen haben. Unsere Kinder müssen wieder lernen,
an einem einzigen schönen Stück auf dem Weihnachts-
tisch mehr Freude zu haben als an einem ganzen Tisch
voll Nichtigkeiten. Dann wird ihnen dieses Stück teuer
werden, es wird ihnen ein Teil ihrer Kindheit sein,
während die lieblos gekauften, wertlosen Spielsachen
stets in wenigen Monaten vergangen und vergessen sind.
Durch solche stärkere Betonung des Persönlichen bei
allem, was dem Schmuck und der Freude im weitesten

Sinne dient, wird dann auch das nötige Gegengewicht
gegen die Beschränkung auf typische Formen für die
notwendigen Bedarfsstücke liegen. Ein Heim, in dem
schlichte unpersönliche, aber gediegene Hausformen,
Ofen, Türen und Möbel den Hintergrund abgeben für
ein paar feine Zierstücke, eine gut gearbeitete Uhr, eine
Steinzeichnung, einen zierlichen Nähtisch, eine farben-
frohe Decke, ein solches Heim wird dem Besitzer reinere
Freude geben können als eine Wohnung, in der Haus-
ausstattung, Möbel und Schmuckstücke in gleicher Weise
aus scheinbar individuell gefärbtem Massenschund be-
stehen.......else meissner in: »der wille zum typus«

VERGEISTIGUNG, BESEELUNG, FORM.

Geist, Dein Geist präge sich aus in allem, was Du
besitzt und tust. »Zeige mir Deine Wohnung
und ich werde Dir sagen, was Du bist.« Nicht
der Aufwand tut es, sondern die Pflege, nicht der
Ankauf, sondern der seelische Erwerb, die Innigkeit
der Beziehungen zwischen der steten, dauernden, nie er-
lahmenden Festtäglichkeit Deines Geistes zu den Dingen
des Alltags. Nicht die Salons, die sich den Gästen öff-
nen, sondern auch Dein Wohnzimmer, Dein Arbeitsraum
sei Dein Bildnis. Die Gegenwart gebe Dir ihre For-
men, der Gegenwart gebe die Form. . . . w. v. debschitz.
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