Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

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INNEN-DEKORATION

FRAU ELSE WISL1CENUS-BRESLAU

FAMILIENCHRONIK MIT PERLENSTICKEREI

DIE HARMONIE DER FARBEN

VON GEH. RAT WILHELM OSTWALD—GROSS-BOTHEN

Vor dem Kriege, als es noch lebensgefährlich war, in
Berlin die Bellevuestraße beim Potsdamer Platz zu
überqueren, habe ich zuweilen an der Ecke dort beim
Nachmittagkaffee das Treiben mit Aug und Ohr aufge-
nommen. Namentlich der Gehöreindruck war stark und
nicht angenehm. Uber dem Orgelpunkt des stetigen
Straßenlärms, dessen Bestandteile in eine ununterscbeid-
bare Masse zusammenflössen, ertönte eine höchst diskor-
dante endlose Oberstimme von schrillen Radfahrglocken,
Straßenbahngeklingel, Droschkenfahrerrufen und alles
beherrschend Autohupen, die ihre durchdringenden Laute
in allen denkbaren Tonlagen von sich gaben. Mit der all-
gemeinen Idee der Organisation der menschlichen Tätig-
keit beschäftigt, konnte ich hier die Frage nicht abweisen:
kann man denn nicht auch den Straßenlärm organisieren?
Von meiner Laboratoriumslehrerzeit her setzt sich bei
mir, wenn eine solche Frage auftaucht, alsbald ein Ap-
parat im Gehirn automatisch in Bewegung, der nach dem
Abschnurren das Ergebnis, gut oder schlecht, abwirft.
Er lautete auch in diesem Falle bejahend.

Nehmen wir an, wir wären imstande, eine Polizeiver-
ordnung folgenden Inhalts zu erlassen und durchzuführen:
Alle Auto- und Fahrradhupen werden zum Verkehr nur
zugelassen, wenn sie, statt wie bisher auf willkürliche und
zufällige Töne eingestellt zu sein, aus irgendeinen der
Töne c, e, g des C-Dur-Dreiklangs eingestellt sind. Es
kostet ebensoviel, eine Hupe mit einem dieser Töne an-
zufertigen, wie mit jedem anderen Tone; eine Belastung
wird also nicht bewirkt. Aber welch ein Wandel im
akustischen Straßenbild! Der Grundbaß bleibt derselbe.
Aber an die Stelle des sinnlosen Durcheinanders der
Oberstimme tritt eine fortlaufende vielstimmige Melodie
in den Tönen c-e-g, die durch den beständigen Wechsel

von Ton und Tempo eine unerschöpfliche Fülle reizender
melodischer Überraschungen bringt, etwa wie Beetho-
ven sie im ersten Satz seiner Heldensymphonie aus dem
Dreiklangsmotiv gebildet hat. Das könnte man stunden-
lang anhören, ohne müde zu werden, und ich muß mich
aufrütteln, um nicht durch die bloße Vorstellung in das
entsprechende träumerische Wohlbehagen zu versinken.

Diese halbvergessenen Gedanken wurden wieder her-
vorgerufen, als die Farbenforschungen, denen ich seit
mehreren Jahren fast alle Energie widme, die mir noch
geblieben ist, mich zur Lösung des alten Problems der
Farbharmonie geführt hatten. Farben stehenharmo-
nisch zueinander, wenn ihre Elemente einfache
gesetzliche Beziehungen haben. Diese Elemente
waren bisher verkannt und man konnte sie nicht messen.
Jetzt kennt man sie und man kann sie messen. Bisher
konnte man keine einfachen Beziehungen zwischen Far-
ben bewußt herstellen; man war auf den künstlerischen
Instinkt und glückliche Funde angewiesen, und die Allge-
meinheit war koloristisch völlig verwildert. Demgemäß
macht nicht nur die Straße, sondern auch fast jeder Innen-
raum chromatisch den Eindruck des Potsdamer Platzes
am Nachmittag: die Farben brummen, schreien, schrillen
überall wüst durcheinander. Und wo man mühsam, etwa
in einem Zimmer eine leidliche Harmonie hergestellt hat,
wird sie fast durch alles und jedes, was dazukommt, sei
es ein Mensch, ein Möbel, ein Zierstück, wieder zerstört.

Gibt es einen Ausweg aus diesem Tohuwabohu? Die
Antwort lautet wie im ersten Falle: man muß die Farbe
organisieren. Wie man aus den Tausendein aller mög-
lichen Töne die wenigen Stufen der Tonleitern unter Ver-
werfung aller anderen gewählt und aus ihnen den ganzen
Wunderschatz unserer Musik erzeugt hat, so kann und
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