Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 30.1919

Page: 389
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1919/0409
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

389

»vitrinenpuppe« von lotte pk1tzel

•alte nymphenburoer pokzellan-terr1ne«

Ich kann es nicht beschreiben, welche Fülle von ent-
zückender Überraschungen man bei solcher Arbeit erfährt.
Daß die Farben harmonisch zueinander stehen werden,
wenn man die Gesetze der Farbharmonik richtig ange-
wendet hat, weiß man. Aber wie jede neue Harmonie
aussieht und wirkt, erlebt man immer wieder zum ersten
Male mit dem ganzen Reiz der ersten Berührung bisher
stumm gewesener Saiten. Und da schon die einfachsten
Motive viele Tausend Einzelfälle ergeben, die sich von-
einander unvergleichlich viel mehr unterscheiden, als in
der Musik transponierte Harmonien, so bleiben die Reize
unerschöpflich neu. Ich muß mich immer wieder zwingen,
diese Farbgenüsse zu unterbrechen, um das Gefühl nicht
durch ein Ubermaß abzustumpfen und mein Urteil in
dieser neuen Welt nicht zu verwirren.

Und dabei muß ich mir sagen, daß diese Dinge künst-
lerisch nicht höher stehen, als etwa die ersten Wohlklänge,
die der beginnende Klavierschüler dem Instrument zu
entlocken lernt. Ich sehe es an den Erzeugnissen einer
künstlerisch begabten Mitarbeiterin, welche zwar erst von
mir gelernt hat, wie man in die Tasten der Farborgel
greifen muß, welche aber mit ihnen nun eine viel aus-
drucksvollere Farbmusik zu machen weiß, als es meine
methodischen Produkte sind.

Und diese Tatsache wirft ein klares Licht auf das
künftige Verhältnis der Kunst zu dem neuen Farbwissen.
Frei von Fehlern zu sein, ist der niedrigste Grad und der

höchste, sagt Schiller. Das Wissen ermöglicht, jenen
niedersten Grad der Fehlerfreiheit sicher zu erreichen.
Zwischen diesem und der höchsten Kunstleistung liegt
aber noch ein unendlicher Abstand, den zu durchmessen
mehr gehört als die Kenntnis der Farbharmonik. Aber
bis jener niederste Grad, von dem aus der Künstler seinen
Aufstieg beginnt, Allgemeingut geworden ist, ist noch
unendliche Arbeit zu tun. Denn zurzeit ist er auf einige
Wenige beschränkt, während grundsätzlich jeder nicht
farbenblinde Fortbildungsschüler ihn erreichen kann. w. o.

A

HARMONIE. Die Musik ist nichts anderes, als alle
Töne, die in der Natur sind, in eine abgemessene
Ordnung gebracht, welche durch die Wahl entsteht
und alsdann einen Geist empfängt, der den Geist des
Menschen rühren kann, und dieser Geist ist die Har-
monie. So ist die Poesie nichts anderes als die Rede
des Menschen in eine abgemessene Ordnung gebracht,
erstlich die Begriffe und folgends die Wörter, und durch
die Wahl der wohlklingenden und sich zusammenschik-
kenden ist durch eine Art Harmonie das Silbenmaß er-
dacht worden; wie die Musik eine viel größere Stärke
hat, als dieselben Materialien, wenn sie ohne Wahl in eins
geschüttet werden; ebenso ist die Malerei. Durch die
Ordnung und Auslassung des Unnützen und Unbedeuten-
den wird sie erst eine Kunst und empfängt gleich ihren
zwei Schwestern eine höhere Kraft. Raphael mengs.
loading ...