Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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INNEN-DEKORATION

BURG TARASP IM ENGADIN. (schluss.) Was den
Charakter der Wohnräume angeht, so herrscht
das typische Engadiner und Graubündner Zimmer aus
verschiedenen Stilzeiten vor; Holztäfelungen und Schnitz-
werk an den Wänden und den Balkendecken! Eine be-
sondere Sehenswürdigkeit bilden die Fenster, die mit
den herrlichen, jetzt schon fast unschätzbaren Schweizer
Glasmalereien versehen sind, die der Verstorbene
vor Jahren mit großer Liebe gesammelt hat.

Die Zimmer, in denen sich Spuren alter Kalkmalerei
gefunden haben, der sog. Bündner Gang und die Kapelle,
sind in ihrer alten Form erhalten und zeigen sich als in-
teressante Beispiele stimmungsreicher, ritterlicher Wohn-
räume. Ihre vorsichtige Wiederherstellung war Arbeit
des Professors Haggenmiller aus München.

Für den Festsaal und die Kemenate, die ihrem
Wesen nach einen reichen und warmen Charakter ver-
langten, wurden nach Vorschlägen des Unterzeichneten
italienische Renaissance-Motive mit solchen Graubün-
dens in Verbindung gebracht, um dem rhäto-romanischen
Kulturkreise, dem Tarasp ja auch angehörte, Rechnung
zu tragen. Der Festsaal, in Damasso rosso und mit
goldener Renaissance - Kassettendecke, ist mit einem
prachtvollen Florentiner Kamin und einem mächtigen
Gobelin geschmückt. Die Kemenate, mit Genueser
Samt bespannt, besitzt sehr schöne, eingelegte alte
Schweizer Möbel und ein kostbares altes Himmelbett in
reicher Schnitzarbeit. Die gemalte Balkendecke des
Frauengemachs stellt einen lateinischenTugendspiegel dar.

Eine Fülle von Kunstschätzen sind in allen Räumen
klug verteilt, ebenso zahlreiche Gegenstände, die für das

Leben der Alten in Küche und Keller charakteristisch
sind. Das Mobiliar ist durchweg alt und zum Teil
durch hervorragende Stücke vertreten. Eine besonders
schöne religiöse Tapisserie beherrscht das Treppenhaus;
unter den Bildern, die meist Jagd und Krieg behandeln,
ist ein Jan van Aaken besonders beachtenswert, der
mit zahllosen Figuren ritterliches Leben des Mittelalters
darstellt. Auch ein treffliches Schweizer Familienbild
im Engadiner Zimmer verdient ernstliche Beachtung.

Die Umsicht des Erbauers hat nichts vergessen, überall
hat sie gewaltet, im Dienerzimmer wie im Bankettsaal,
im »Palantschun« des Wachthauses und im Felsenkeller,
überall ist für alles gesorgt, ja selbst das Fremdenbuch
und das Ex libris in der Bücherei sind nicht vergessen
und dem Charakter des Ganzen angepaßt; vom kost-
baren Tafelgerät und all dem, was nur ein fast fürst-
licher Haushalt verlangt, garnichtzu reden. Und da diese
Umsicht nicht nur liebevoll, sondern auch künstlerisch
und wissenschaftlich gewesen ist, so ist Tarasp nicht nur
ein Denkmal schweizerischer Kultur von historischem
Werte, das seinem Erbauer und seinem Mitarbeiterstabe
alle Ehre macht, es ist auch der unvergleichlichste Wohn-
sitz der Welt für den Naturfreund..........

*

Möchte Tarasp lange noch seine gastlichen
Schindeldächer zum blauen Alpenhimmel emporrecken,
einem glücklichen Besitzer zur Freude und all den vielen
Besuchern des Engadins, — denen eine edelempfundene
Eigentümerpflicht wenigstens für einen Teil des Jahres
gestattet, das Werk eines begeisterten, hochherzigen
Kunst- und Kulturfreundes zu schauen! k v Hardenberg

büro tarasp im unter-engadin. frontansicht der burg
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