Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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1NNEN-DEKORATION

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»BUNT-STICKEREI«

Mit Liebe und vielem Fleiß und Sorgfalt haben emsige
Hände, ganz zierliche, die köstliche Seide bestickt.
, edes Fädchen sitzt im Gewebe, jede Farbe fügt sich
zum Klang. Das Duftige ist da mit der Seele der fremden
Blumen. Die Seele hat sehr geträumt, des Himmels ver-
gaß sie nicht und der strahlenden Monde, und in beige-
stickten Sternchen lebt die Erinnerung des Himmels mit.

*

Wie ein bunter, lockerer Traum, wie ein schimmernder
Farbennebel ist das Muster über die Seide gehaucht,
ganz leicht; wie Gefühle, die man nicht faßt, die ihr
eignen sollen; wie Seele, die man nur an Formen ge-
bändigt erkennt, die ihr nun angehört; wie Singsang, der
fernher kam aus Schlummerwäldern, darübergehallt; wie
ein Gesicht gegen Morgen, das das Licht kräuselte, da-
rüber gestreichelt; wie eine Liebkosung, zärtlichst, wie
ein flüchtiger Kuß; darübergestreut, wie von Händen
der Osteifee, die mit lichtem Singsang und mit Lächeln,
die Erde segnend, über den Anger von Seide ging.

Von sterblichen Blumen teilt ein Stickwerk das Un-
sterbliche mit. Die ganze Idee des Seins, des schönen
sterblichen Blume-Seins lebt im Gewebe der Fäden.
Das Licht ist sinnfällig geworden, das Licht, das die Blu-
men liebt. Die Musik ist sinnfällig geworden, die Musik,
die die Blumen umsummt. Der Duft ist sinnfällig gewor-
den, der Duft, der an Blumen betört. Sinn und Seele
sind da gebannt und leben in Farben und Formen des
Musters mit, vibrierend mit hineingewirkt, kraus genäht.

*

Dein Blick soll ein Falter sein, der trunken zu den
Blumen der Stickerei schwebt. Dein Blick soll eine
Biene sein, die sich an Seim und Süße berauscht. Aus
seidigem Grund wächst dir die Blume entgegen, ver-
wundert, verwunschen, ein ewiges Leben der Seele, das
jene vergänglich empfand. Dein Blick soll eine Lieb-
kosung sein, die ihre Schönheit küßt. Nimm dir die
Blumen ins Haus, sie werden dich freuen, solange Licht
lächelnd über ihnen erblüht......hans schiibelhuth.
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