Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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XXXll. JAHRGANG.

DARMSTADT.

JUNI 1921.

WOHNUNGS-EINRICHTUNG UND PERSÖNLICHKEIT

wohn-kultur erfordert kultivierte menschen.

Das Wort »Wohnkultur« ist derartig als kleine
Münze in Umlauf gekommen, daß es eine
schon ziemlich abgegriffene Prägung zeigt, und
daß somit die Gefahr einer allzu billigen Auf-
fassung des Wertbegriffes »Kultur« besteht. . .

Es ist eine selbstverständliche Forderung, wenn
man in der Wohnstätte, im Hause, vor allem
dem Bewohner selbst zu begegnen wünscht.
Dieses Sichtbarmachen der Persönlichkeit
in ihren Anschauungen,Gewohnheiten, und schließ-
lich auch in ihren Sonderbarkeiten, kann aber nur
durch diese selbst geschehen. Etwas merkwür-
diges ist es um jenes schwer Beschreibliche, das
wie ein guter — oder böser — Geist den ge-
samten Wohnraum durchzieht und ihn sich zu
eigen macht, sodaß es für einen jeden Eintreten-
den sofort erkennbar wird . . Der Sinn des Be-
wohners bedeutet das Wesentliche. Er vermag
aus dem Nichts Wunder zu schaffen, — oder im
andern Fall auch mit dem größten Aufwand nur
taube Früchte hervorzubringen. Auch das an-
scheinend Unbedeutende wirkt dabei mit, und es
läßt sich bis ins Kleinste verfolgen, wie eine jede
Persönlichkeit im guten oder schlechten Sinne
den Dingen der Umwelt ihren Stempel aufdrückt.

Man darf diesen Sinn nicht ohne weiteres mit
größerem oder geringerem Kunst-Verständnis ver-
wechseln. Es gibt Räume, deren einzelne Gegen-
stände wohl nicht der Kritik eines strengen
künstlerischen Maßstabes standhalten würden, und
die doch in hohem Grade den Ausdruck einer
liebenswerten und kulturell hochstehenden Per-
sönlichkeit tragen. Sie stehen als Wohnstätten
weit höher als andere, in denen alles vom kunst-
gewerblichen Standpunkt aus einwandfrei sein
mag, in deren Gesamtheit man jedoch nicht den
Pulsschlag eines warmen Lebensstromes spürt,
der von ihren Bewohnern ausgeht, sondern ein
erschauerndes Gefühl der Kälte . . . Ein anderer
Raum, vielleicht das Arbeitszimmer eines Ge-
lehrten, hat nurtannene Büchergestelle, auf denen
sich die Bände schichten, irgend einen Tisch als
Arbeitsplatz, von einer schlichten Hängelampe
beleuchtet. Und doch werden wir sofort magisch
von dem Zauber der Persönlichkeit angezogen,
die auf alles ausstrahlt und das Gemach mit ihrem
Licht durchdringt . . Man wird daher, wenn man
den Wunsch nach echter Wohnkultur hat, zu-
nächst Sorge tragen müssen, echte und kultivierte
Menschen zu erziehen. . . paul schultze-naumburg,

1921. VI. 1.
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