Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 32.1921

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XXXII. JAHRGANG.

DARMSTADT.

SEPTEMBER 1921.

ARBEIT UND LEBENS-GEMEINSCHAFT

von architekt hugo gorge —wien.

In unserer Arbeit nimmt unser Leben Gestalt
an als Bekenntnis des tätigen Geistes und Ge-
setzlichkeit des Lebens-Systems. In der Arbeit
wird der Lebens-Inhalt zur Form verkörpert . .
Form und Phantasie bleiben in unfruchtbarer Iso-
lierung, wenn sie nicht vom psychischen Komplex
einer Zeit, also vom Gesamt-Willen Aller
ausgehen. Denn nur dieser ist die Grundlage
für den geistigen Inhalt der Arbeit von heute.

Dieser Gesamt-Wille ist — trotz aller schein-
baren äußeren Gegensätze — in uns allen wirk-
sam. Er ist das, was über das greifbar Tatsäch-
liche hinaus in uns beschlossen liegt — als ge-
meinsamer, seelischer Organismus. Wir sollen
ihm nur die wahre, sichtbare Gestalt verleihen.

Was uns an allen Dingen im Tiefsten interes-
siert, ist die verborgene Wirklichkeit, die unaus-
gesprochen in ihnen lebt und wirkt. Die Arbeit
des Architekten ist nur die Auseinandersetzung
mit dieser wahren Wirklichkeit. Sie darf aber
niemals völlig enthüllt werden. Im Andeuten
aller Empfindungen liegt ihr wesentlicher Zauber.

Daraus ergibt sich die Notwendigkeit einer
Einschränkung und engen Begrenzung in der Wahl
der Dinge, mit denen wir uns umgeben sollen.

Diese Dinge können daher auch nicht der Aus-
druck einer »freischaffenden« Phantastik sein, die
immer wesensleer bleibt. Einen tiefgehenden, in
der Allgemeinheit sich auswirkenden Gemüts-
zustand auszulösen sind nur Dinge imstande, die
uns die Totalität des Zeitwillens erfassen und
erleben lassen. Sie treten dann in ein positives
Verhältnis zu uns allen, als wirkliches Besitztum.

Daher auch unsere Verehrung für alle histo-
rische Arbeit, in der wir durch Abstraktion der
Wirkungs-Werte vom Gegenständlichen die Stärke
eines Geistes erkennen, den wir neu zu beleben
haben, indem wir das Drängen und Fragen der Ge-
genwart in größter Bescheidenheit durch die Form
zu beantworten suchen. Dann wird mit Notwen-
digkeit die künstlerisch-werthafte Form erstehen.

Unsere Arbeit zeigt die Welt, deren gestal-
teter Inhalt sie sein soll. Sie hat nichts mit arti-
stischem Künstlertum zu tun, dessen Kennzeichen
Gefallsucht und geistige Inhaltlosigkeit bleiben. Un-
sere Arbeit soll, als Ausdruck höchster Mensch-
lichkeit und sozialer Gesetzmäßigkeit, Harmonie
in unsere Lebensgemeinschaft bringen. Damit ist
dann wenigstens dem Ordentlichen, als natür-
licher Bedingung des Daseins, Genüge getan, h.g.

1921. )x. l
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