Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 33.1922

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wurden, nun den Hauptplatz einnehmen, wenn die kleinen
Stahlstiche, die wir auf dem Boden fanden, nun an den
Treppenwänden hängen, wenn die Wand um den Glas-
schrank alle alten Familienbilder in ihren ovalen schwarzen
oder goldenen Rahmen zieren, wenn der prächtige alte
Schal nun als Flügeldecke prangt, wenn in dem Herren-
zimmer der einzige Wandschmuck die hohen Bücher-
gestelle und darüber die Geweihe sind . . nach und nach
werden die Augen doch geöffnet für die Harmonie, die
jetzt in den Räumen herrscht und sich auch den Be-
schauern mitteilt. Wer einmal den Zauber und die Kraft
kennen gelernt hat, die von einem »Heim« ausgeht, der
kann nicht wieder in unpersönlichen Räumen leben. Es
mag ganz anders sein, wie das oben geschilderte, — so
viel Menschen, so viel Möglichkeiten gibt es, — nur soll
es jeder seinem Wesen
entsprechend gestalten . .

Natürlich ist es am besten,
wenn man sein Heim allein
»schafft«, in persönlichster
Art. Aber es gibt so viele,
die haben wohl eine Sehn-
sucht nach Harmonie und
Schönheit, sind jedochnicht
fähig, sie in die Wirklich-
keit umzusetzen. Allen die-
sen sei immer wieder emp-
fohlen: Wenden Sie sich
an jene, die in Formen und
Farben und in harmoni-
scher Einrichtungskunst
ausgebildet und erfahren
sind; sagen Sie: »Kommen
Sie zu uns, lernen Sie uns
in unserem Hause ken-
nen, helfen Sie, aus unserer
Wohnung ein »Heim« zu
machen«. —Wir alle haben
ein Heim so nötig in dieser

Zeit. KARLA MEYER—CELLE.

DER REINE QUELL

Wenn es keine Kunst
gäbe, würde man
alles opfern, um zu diesem
reinsten Quell der höchsten
Daseinsfreude vorzudrin-
gen! Da wir aber schon
durch die Erbschaft vergan-
gener Jahrhunderte überall
mühelos Kunst aller Arten
antreffen, sind wir undank-
bar geworden und haben
das, was wir besitzen, zu
schätzen verlernt! Im all-
gemeinen wird die Kunst
als das fünfte Wagenrad
behandelt, und wenn man
irgendwo zu sparen anfängt,
dann ist es leider meist zu-
erst die Kunst, der man
das Brot vom Munde weg-
stiehlt. GUSTAV E. PAZAUREK.

LEO NACHTLICHT. HAUS DR. S. STANDUHR IN DER DIELE. S. 160.

»AUS PORZELLAN«

Hast Du wohl je einen recht alten Holzschrank, ganz
schwarz vor Alter und mit ausgeschnitzten Schnör-
keln und Laubwerk daran, gesehen? Gerade ein solcher
stand in einer Wohnstube; er war von der Urgroßmutter
ererbt und mit ausgeschnitzten Rosen und Tulpen von
oben bis unten bedeckt. Mitten auf dem Schranke stand
ein ganzer Mann geschnitzt; er war freilich lächerlich
anzusehen und grinste auch, denn Lachen konnte man es
nicht nennen; er hatte Ziegenbocksbeine, kleine Hörner
auf dem Kopfe und einen langen Bart. Die Kinder im
Zimmer nannten ihn immer den Ziegenbocksbein-Ober-
unduntergeneralkriegskommandiersergeant: das war ein
Name, schwer auszusprechen, und es gibt nicht viele, die

diesen Titel bekommen;
aber ihn ausschnitzen zu
lassen, das war auch etwas.
Doch nun war er ja da!
Immer sah er nach dem
Tische unter dem Spiegel,
denn da stand eine lieblich
kleine Hirtin aus Porzel-
lan. Die Schuhe waren ver-
goldet, das Kleid mit einer
roten Rose geschmückt, und
dazu hatte sie einen Gold-
hut und einen Hirtenstab;
sie war wunderschön. Dicht
neben ihr stand ein kleiner
Schornsteinfeger, so
schwarz wie eine Kohle,
übrigens aber auch aus
Porzellan; er war ebenso
rein und fein als irgend ein
anderer; daß er ein Schorn-
steinfeger war, das war ja
nur etwas, das er vorstellte;
der Porzellanarbeiter hätte
ebensogut einen Prinzen
aus ihm machen können,
denn das war einerlei! . .

Da stand er so niedlich
mit seiner Leiter und mit
seinem Antlitz, so weiß und
rot wie ein Mädchen; und
das war eigentlich ein Feh-
ler, denn etwas schwarz
hätte er wohl sein sollen.
Er stand ganz nah bei der
Hirtin; sie waren beide hin-
gestellt, wo sie standen; da
sie nun aber einmal hinge-
stellt waren, so hatten sie
sich verlobt. Sie paßten ja
zueinander; siewaren junge
Leute, sie waren von dem-
selben Porzellan und beide
waren gleich zerbrechlich..
Dicht bei ihnen stand noch
eine Figur, die war drei-
mal größer. Es war ein alter
Chinese,der nicken konn-
te. Er war auch aus Por-

1922. IV. S.
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