Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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XXXV. JAHRGANG.

DARMSTADT.

MÄRZ 1924.

MEISTER BRUNO PAUL

von max osborn

Wohl dürfen wir mit solchem Titel den Künstler
grüßen, der vor kurzem das erste Halbjahr-
hundert seines Lebens vollendet hat. Aus den
Glückwünschen, die dem heute Fünfzigjährigen
Dank und Verehrung entgegenbrachten, klang die
Anerkennung eines Lebenswerkes, das in stetigem
und logischem Aufstieg die reichen Fähigkeiten
eines großen und umfassenden Talentes zur schö-
nen Reife sich voll entfalten ließ . . Wer Bruno
Paul jemals persönlich begegnet ist, wer die
Gepflegtheit seines Wohn- und Arbeitszimmers
kennen gelernt, wer seine feine und zurückhaltende
Besonnenheit auf sich wirken fühlte, der empfindet
sogleich jene wunderbare Einheit zwischen Mensch
und Künstler, aus der allein bedeutende Leistungen
hervorgehen. Die Klarheit, die sein Wesen aus-
strahlt, die ruhige Folgerichtigkeit des Denkens
und die Gesundheit des Urteils, die sein Gespräch
auszeichnen, geben auch seiner Arbeit das Ge-
präge. Eine künstlerische Entwicklung steht vor
uns, die sich in gerader Linie nach dem Gesetz des
Organischen vollzog. Jahrzehntelange unermüd-
liche Tätigkeit, die alle Zweige des edlen Hand-
werks mit natürlicher Kraft umfaßte, hat Bruno
Paul zu der vollkommenen, freien Beherrschung

seiner Mittel geführt, die ihn jetzt scheinbar
mühelos die Früchte seiner vielseitigen Begabung
pflücken läßt . . Ich sehe noch die verwunderten
Gesichter, als auf der Pariser Weltausstellung von
1900 der damals weiteren Kreisen lediglich als
fröhlicher Karikaturen-Zeichner des Simplizissi-
mus bekannte Münchener Maler mit seinem Kol-
legen Richard Riemerschmid als »Kunstgewerbler«
auftrat. Man hatte damals in Deutschland schon
seit einigen Jahren unendlich viel von den Not-
wendigkeiten gesprochen, die Innen-Einrichtung
unserer Häuser auf eine neue, moderne Grundlage
zu stellen. Anregungen des Auslandes hatten her-
übergewirkt. Die Dresdener Ausstellungen von
1897 und 1899 aber hatten noch keine überzeugende
Leistungen auf diesem Gebiet offenbart. Alles
blieb noch ein wenig in der Theorie stecken. Ge-
wisse abstrakte Vorstellungen vom Ornament, von
der Linie und vom Möbelbau, die van de Velde
gepredigt hatte, und die bei ihm aus dem Zwang
seiner persönlichen Art hervorgingen, hatten bei
uns zu einem kühlen Doktrinarismus geführt. Man
hatte wohl das Überlebte ausgewiesen, man hatte
die moderne Theorie und wußte genau, worauf es
ankomme. Aber man hatte noch nicht den Weg

im. in. i.
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