Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

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XXXV. JAHRGANG. DARMSTADT. OKTOBER 1924.

DAS HAUS HÖSEL IM GRUNEWALD

VON PROFESSOR HEINRICH STRAUMER

Wenn je die Lösung einer Aufgabe dem Archi-
tekten besondere Reize zu bieten vermag, so
war dies der Fall, als Flor ence Jessie Hösel mich
veranlaßte, ihr beim Bau ihres Hauses zu helfen;
diese Künstlerin, deren Nadel-Träume in ein dem
Alltag entrücktes Märchenland führen, diese zarte
Frau, die wie ein Kind durch dieses Leben wandelt,
und um die herum sich aus dem reinen Glauben
ihrer schöpferischen Seele eine schöne Welt bildet,
in die man staunend verstrickt wird, wenn man mit
ihr in Verbindung kommt. Würden die irdischen
Güter den schöpferischen, geistigen Werten ent-
sprechend zugeteilt, so müßte das Haus derFIorence
Jessie Hösel ein Künstlerheim geworden sein aus
köstlichsten Materialien: Wände aus Onyx und
Alabaster, Fenster aus Kristall, Räume mit Eben-
holz-Getäfel und Marmorfließen, malerische Höfe
und Hallen, dicht überwachsene Wandelgänge,
Wasserbecken mit goldenem Grund und funkeln-
den Wasserstrahlen zwischen blühenden Ranken
und Blumen . . Aber der Strom des Goldes fließt
nicht zu den Menschen, die im Traum-Land der
Schönheit wandeln, und so ist die Einfachheit und
die bescheidene Begrenzung dieses geschaffenen
Künstlerheims zugleich der Ausdruck des Ringens

und der Sorge, die mit einem wahren Künstler-
leben fast untrennbar verbunden scheinen . . Die
schlimme Inflationszeit hat dann noch soweit ein-
gewirkt, daß der Einbau eines Ateliers im Ober-
geschoß genügen mußte, der leider der Schlichtheit,
wie sie für das ganze Haus beabsichtigt war und
in der Wandgruppe um die Eingangstür herum
sichtbar wird, etwas Abbruch getan hat . . So ist
auch der Grundriß zu verstehen. Ein großer Tages-
raum, das Wohnzimmer, — der für allen Aufent-
halt den Mittelpunkt bildet und ermöglicht, die
großen Wandstickereien zu zeigen, ist neben
einem kleineren Herrenzimmer der Raumbestand
des Erdgeschosses. Es dient als kleines Wohn-
zimmer der Teestunde, wenn keine Gäste da sind,
was allerdings nur selten der Fall ist. Wenn
Jessie Hösel empfängt und das große Zimmer
voller Besuch ist, dann macht sie den Tee selbst.
Diesem Zweck dient eine ganz kleine Teeküche,
deshalb so klein, damit sie alles leicht greifen kann
und für jeden neuen Gast schnell die heiße Schale
bereit hat. Da schwirrt die kleine Frau mit den
immer freundlichen Augen zwischen ihren lieben
Besuchern herum und voller Freude zeigt sie jedes
neue Stück, das sie in unermüdlicher Arbeit von

1924. X. 1.
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