Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 35.1924

Page: 353
DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1924/0802
License: Free access  - all rights reserved Use / Order

0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

353

WIRKUNG DER RAUMFORM

In seinem Verhalten zum Raum äußert sich das Lebens-
gefühl des Menschen. Hoher Sinn liebt weite, hohe
Räume; der gedrückte Mensch verkriecht sich in das
Niedere. Die Freude am Niedlichen, an kleinlichen
Schmuckformen verrät eine dem Kleinen zugewandte
Seele; der großzügige Mensch sucht die lebendige, große
Form. Wer in dieser Beziehung die Seelendeuterin
»Sprache« belauscht, kann viel lernen Die Worte »hoch«
und »niedrig« sind Raum-Bezeichnungen, ebenso wie ein
»hohler« und ein »flacher« Mensch seine tadelnden Bei-
wörter räumlichen Vorstellungen verdankt. Der »weite
Blick« und die »Beschränktheit« zeigen die räumlichen
Grenzen eines Fassungs-Vermögens. Wenn wir uns
»erhoben« oder »bedrückt« fühlen, dann stellen sich

unsere Sinne nach Raumgefühlen ein..........

Darum ist es nicht gleichgültig, in welcher Raum-
gestaltung ein Mensch aufwächst. Wo Raumnot herrscht,
wo in vielen Wohnungen die Menschen hart aneinander
stoßen, müssen enge Seelen aufwachsen, Menschen mit
Minderwertigkeits-Ängsten behaftet. Darum müssen wir
trachten, unsere Behausungen geräumig, hell und wohl-
proportioniert zu gestalten. Solche Raumbildung wirkt
an der Veredelung des Menschen in gleicher Weise wie
der geistige Bildner. Vielleicht ist ihre Wirkung noch
stärker, weil sie sich ans Unbewußte wendet, aus dem
heraus am mächtigsten die Menschen bewegt werden.

Gerade mit Beziehung auf die raumschaffende Kunst hat
Wilhelm Wackenroder, der seelenvollste unter den Ro-
mantikern, gesagt: »Wessen feinere Nerven einmal be-
weglich sind, dessen Seele wird oft da, wo ein anderer
gleichgültig vorüber geht, innig gerührt . . Ich bin mir
bewußt, daß öfters, wenn ich, — mit anderen Gedanken
beschäftigt, — durch irgend ein schönes und großes
Säulenportal ging, die mächtigen, majestätischen Säulen
mit ihrer lieblichen Erhabenheit unwillkürlich meine Blicke
zu sich wendeten und mein Inneres mit einer eigenen
Empfindung erfüllten, daß ich mich innerlich vor ihnen
beugte und mit aufgelöstem Herzen und mit reicherer
Seele weiterging«. So ergreift edel geformter Raum
den Sinn und das Herz, so bildet er die Seele, r. corwegh.



VILLA IN WIEN. Die hier abgebildete geräumige
Halle mit Vorraum, Kaminplatz, Haupttreppenauf-
gang und Galerie im Obergeschoß einer von Arch. Hans
H1 o u c a 1 erbauten Villa in Wien erhielt ihre belebenden
Akzente durch das warmtonige Kirschholz der Treppen-
vergitterung, Stuckarbeit der Decke, Reliefs, bunte Ver-
glasungen und Holzlüster. Der graue Steinkamin hat
eineschlichteEisengittertüre; der Fußbodenistin Lärchen-
holz mit Nuß- und Ebenholzstreifen. Das Badezimmer hat
dunkelgrüne Marmorwände, weiße Decke, roten Stein-
boden, mit versenkter Wanne, und Fensterverglasung. s.
loading ...