Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

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TECHNIK UND GESTALT UND

ERLEBNIS i^^i^wÄi EBENMASS

Stets handelt es sich um das HL ! JT» Jk Teder einzelne Mensch trägt,
Auswachsen eines ganz P^j*^ <WV k J so wie in der Gestalt seines
bestimmten künstlerischen Er- MT/, Körpers, so auch in den An-
lebnisses im Kunstwerk; Kit lagenseiner Seeledas »Eben-
dann muß sich die »Technik« maß«, zu welchem er sich
des Künstlers diesem Einzel- BT, , selbst in der gegebenen Le-
fall angleichen. Und ringt der * -jjj benszeit ausbilden soll, in sich.
Künstler immer um Technik, Htt .iuH Durch Fehler undVerirrungen,
so kämpft er um die geschmei- durch Erziehung, Not und
digen Mittel: sich frei, innerer Übung sucht jeder Sterbliche
Notwendigkeit folgend, ausle- dieses Ebenmaß seiner Kräfte,
ben zu können. Aber diese "4HP^ <M weil darin der vollste Genuß
Mittel beeinflussen nun wie- seines Daseins liegt, herder.
der rückwirkend das Erleben

selbst in mannigfacher Weise. T\ /Tan kann viel, wenn man

IVA sich nur recht viel zu-

ie das Materialgemäße, traut . . Wilhelm ». Humboldt.

so geht auch das Tech-
nische in das Erleben ein und \ A 7° Gestalt ist, dort ist
steht ihm nicht wie ein Fremd- VV Fülle, dort ist Wesen
körper gegenüber. Ja, dietech- und Inhalt. So sind wir auch
nischen Geleise werden bis- nicht mit dem Guten gefüllt
weilen so fest eingekerbt, daß wie ein Schlauch mit Wein,
alles Erleben allzuschnell und sondern das Gute in uns ist
reibungslos durch sie erledigt HJ gestaltend, ist Idee und als
wird. Da haben wir den häu- Bk Idee dann Fülle und Inhalt,
figen Fall erstarrter »Manier«. BV Somit übertrifft das Gute in
Und diese Manier bemächtigt uns stets uns selber. Wir
sich dann auch schon des Er- —uji^^^^^^^^^^^m können nicht gut sein, ohne gut
lebens-Ansatzes . .emilutitz. Professor robert obsieoer- wien. stuck-plastik zu handeln. . rudolf kassner.

VOM WESEN DES ORNAMENTES

Der rauhen Oberfläche uralter Tongefäße mag die
unvorsichtige Betastung der Fingerspitzen, die zu-
fällige Ritzung eines Fingernagels die erste Spur von
»Schattenflächen« oder »Schattenkurven« eingedrückt
haben, — die Tatsache, daß sie vom Auge des Bildners
aufgefaßt, von seinem Finger nachgemacht und ringsum
weitergeführt wurden, beweist, daß die Anerkennung
als »Augenreize«, die Ergänzung durch willkürliche Ver-
letzungen der glatten Oberfläche in willkommene Be-
reicherungen ihres Anblicks ihren Ausgang im Menschen-
geiste genommen hat, und daß dieser nur »angeregt«
zu werden brauchte, um ein weiteres Feld der Übung
und Befriedigung zu gewinnen. . Was den unversehens
übertragenen Eindruck erhalten und »vervielfältigen«
hieß, konnte nur die Genugtuung beim Anblick der aus-
gerundeten Wandung des Gefäßes oder der ausge-
schwungenen Fläche des Schälchens sein, die Freude
über deren gelungene Gestaltung und den Wert der ge-
wonnenen Form, — genau so wie beim Wohlgefallen
am hochgerundeten Hals oder Kopf, an der breitgewölb-
ten Brust des Mannes, an dem weichgeschwellten Busen
der Frau. . Von der vermeintlichen »Scheu vor jeglicher
Leere« reden wir besser nur, wenn die schlichte, unge-
mustert gebliebene Außenseite des Gebildes nicht an
sich Formenreiz und Gestalt-Qualität genug besitzt, um
das Auge zu beschäftigen und zu ergötzen. Von einem
uranfänglichen, dem lebendigen Geist »von Natur inne-

wohnenden Abscheu vor dem Leeren« munkeln wir nicht
mehr, wo der innere Drang genügt, »überall Leben zu
erblicken, wo Raum dazu gegeben sein mag«. . . Die
»Ornamentik« begegnet uns überall als Begleiterin der
hohen Künste, aber nirgends als ebenbürtige und völlig
unabhängige Schwester, sie »dient« vielmehr den
Größeren, um deren Werte hervorzuheben, im
einzelnen auszuzeichnen und dem Genuß zu vermitteln.

*

Jedes Ornament ist eine »Wertbezeichnung« und
dient der vermittelnden, empfehlenden, hervorhebenden
Absicht als solcher desto unmittelbarer, je weniger es
selbst eigenen Wert beansprucht und damit eigenes In-
teresse auf sich ablenkt. Die Ornamentik mag als ge-
treue Begleiterin der selbstschöpferischen Künste im-
merhin soweit beteiligt werden, daß sie deren dar-
zubietende Werte selbst mit einzukleiden, sogar in
die »rechte Form zu bringen« hilft, august schmarsow.



LEBENSVOLLE BAUKUNST. Nur mathematische
Ideal-Vorstellungen sind frei von aller Gefühls-Be-
tonung und schweben in kalter Unberührbarkeit, fernab
vom warmen Leben organischer Geschöpfe. Das mensch-
liche Kunstwerk der Architektur hingegen bedarf
stets der Anklänge an seinen Ursprung aus dem Lebe-
wesen und bewahrt solche Vermittlung für den Bewohner,
für den es bestimmt ist, erst recht, august schmarsow.
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