Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

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Dl NA KUHN-
WIEN. PLASTIK
»ST. GEORG«"

DAS NEUE KUNSTHANDWERK

EIN AUSBLICK IN DIE ZUKUNFT

Der Wunsch des Handwerks nach der Wiederein-
setzung in die alte Würde ist begreiflich, der Glaube
an die Möglichkeit einer Wiederkehr des Alten scheint
nicht unbegründet zu sein«, — so urteilt Dr. Walter
Riezler, Direktor des Museums in Stettin, in einer
längeren, bemerkenswerten Abhandlung »Handwerk
und Kunstgewerbe« in der »Frankfurter Zeitung«:
»Es ist zweifellos im Handwerk noch sehr viel altes,
echtes Können vorhanden, und die alte, strenge Organi-
sation des Handwerks hat den auflösenden Tendenzen
gegenüber eine bemerkenswerte Widerstandskraft be-
wiesen. Warum sollte in diesen Formen und auf dem
soliden Grunde eines wenigstens teilweise in ungebro-
chener Tradition erhaltenen Könnens das alte Handwerk,
dessen glorreiche Geschichte allgemein bekannt ist, und
von dessen wundei baren Werken aus den letzten tausend
Jahren noch herrliche und nicht gar so seltene Reste er-
halten sind, nicht wieder in alter Kraft neu erstehen?
Warum soll es nicht möglich sein, auch heute noch in
den Grenzen schlichter handwerklicher Arbeit, gebunden
an die Bedingungen von Material und gegenständlichem
Zweck, zu echten undlebendigen Formungen zu gelangen?

Wo immer wir Zeugnissen alter handwerklicher Ar-
beit begegnen, sind wir über die formende Kraft erstaunt,
die dort herrscht. Mit absoluter Sicherheit und aus
einem unerschöpflichen Reichtum von Phantasie gestaltet
der alte Handwerker, und seine Werke sind nicht nur
für den Betrachter eine Quelle reiner Freude, sondern

auch für den Forscher Zeugnisse der Formtendenzen,
des »Stils« einer Zeit von nicht geringerer Wichtigkeit
und Ergiebigkeit wie die Werke hoher Kunst. Und nicht
selten reicht das Handwerk auch in seiner Empfindung
in die gleichen, ja vielleicht in noch größere Tiefen als
jene. Es ist nicht leicht, die Quellen zu erforschen, aus
denen diese formende Kraft des alten Handwerks ge-
speist wurde. Denn sie sind wenigstens zum Teil von
dem geheimnisvollen Dunkel umgeben, aus dem die
Grundtriebe des Lebens selber stammen. Ganz offenbar
ist es die Verbundenheit mit den Urkräften der Religion
und des Blutes gewesen, aus denen etwa den Frauen des
Orients die Kraft zu ihren Webereien erwuchs. Und
wir sehen diese Kraft zu ganz selbständigen Formungen
überall da lebendig, wo die alten naturhaften Bindungen
des Lebens noch bestehen, und sehen sie schwinden in
dem Augenblick, da diese Bindungen gelöst werden. . .

In anderen Kulturen und in anderen Zweigen des
Handwerks wird seine formende Kraft noch aus einer
zweiten Quelle gespeist: aus dem Formenreichtum der
hohen Kunst, vor allem der Architektur, die ihrerseits ihre
Formgesetze wiederum aus dem Unbewußten empfängt,
die aber geführt und entwickelt wird durch das indivi-
duelle Talent der großen Künstler. Dieses »Talent« mag
bei den Spitzenleistungen des Handwerks, vor allem im
Technischen eine gewisse Rolle spielen, ausschlagge-
bend ist es beim Handwerk nie gewesen. Nun haben die
alten geheimnisvollen Bindungen ihre Kraft verloren, der

1825. II.
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