Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT O. A. HUFSCHM1D—GENF WOHNZIMMER. ROTLACK. WAND JADEGRÜN

Tisch zum Betrachten von Bildern und schönen Büchern,
eine Kommode mit einer Plastik, mit kostbaren Fläsch-
chen, Schalen und Schmuck aus Asien . . Im Schlaf-
raum umgeben graublauviolette Wände den nacht-
blauen Teppich. Die geruhigen Formen der Möbel,
in ostindischem, dunklem Palisander, sind im Gegensatz
zu denen der Bibliothek »entspannend«. Die altkirsch-
roten Bettvorhänge und Bezüge geben dem RaumWärme;
in den bunten Fenstervorhängen und der Bettdecke
kehrt die ganze Farbenskala des Raumes wieder. . .

*

Wie gesagt, ich empfinde diese Möbel noch nicht als
modern, sie sind noch nicht der »Ausdruck unserer Zeit«,
sofern man dabei an unsere Kraftwagen, Betonbauten,
Kabinenkoffer und ähnliches denkt. Nicht daß die Möbel
diesen Dingen in der Form gleichen oder aus gleichem
Material gebaut sein sollten. Wohl kann allerdings neue
Form am besten aus neuem Material entstehen. Aber
der Ingenieur kennt bei seiner Arbeit nur den Nutzzweck.
Seine Arbeit ist »anonym« — und unpersönlich, des-
halb trägt sie den charakteristischen Stempel unserer Zeit.
Nur das anonyme Mitarbeiten an den Zeit-Bedürfnissen
erschafft den allgemeingiltigen »Stil« und macht ihn groß.
Wir müssen also dem Zeitwillen dienen! Wir müs-
sen uns nur mit den Mitteln unserer Zeit äußern.
Ich glaube nicht, daß das Zweckmäßigkeits-Streben unse-
rer Zeit die schöne Form, unser Schönheits-Gefühl ver-

nichten wird. Aber wir denken und fühlen immer nur,
was uns zu denken und zu fühlen möglich ist. Was uns
fremd ist, fremd geworden ist, das muß man von sich
weisen . . Ich finde, daß man heute noch den Raum zu
viel für die »Möbel« ausnutzt, — statt für den »Men-
schen«. Und mir träumt von Räumen, wo schlichte
Möbel, der Größe des Raumes und der Wandhöhe an-
gepaßt, in schöner Form und Linie, in edlem Material,
Schmuck und Ornament des Raumes sind. Denn Orna-
ment ist schon die Fruchtschale auf der Kredenz, die
schlichte Blumen-Vase auf dem Tisch. Zierat und Zer-
streuung für das Auge ist schon die gute, sinnvolle
Anordnung des Raumes, — wie ein gut gemaltes Bild.
Und ein guter Wohnraum soll ein lebendes Bild seinl .

*

Je eher wir auf nur eigenwillige Arbeit verzichten
und uns dem Zeitwillen beugen, desto eher kommt der
»Stil der Zeit« zustande. Alles, was wir von den An-
deren erhalten oder von ihnen entnehmen, geben wir
doch wieder mit unserer Arbeit zurück. Und der wahre
Charakter des Einzelnen verrät sich nicht in der noch
nie gesehenen, »originellen« Form, sondern darin, wie
er die gleichgeartete Grundform verarbeitet, sie verfeinert
und beschwingt oder mit Gehalt und Schwere verdichtet.

Der neue Stil, — das steht fest, — wird international
sein, und doch wird jede Nation sich in ihm erkennen
und auch in seinen Gestaltungen erkennbar sein.. g.a. h.
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