Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

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INNEN-DEKORATION

ARCHITEKT FRITZ AUGUST BREUHAUS KAKTEEN-FENSTER IM HERREN-ZIMMER

DIE PRIMITIVE WOHNUNG

VOM URSPRUNGS- UND NATURNAHEN GEIST

Den vielleicht stärksten Antrieb in der künstlerischen Schaffens: in der Gestaltung des Innenraums, ist gegen-

Entwicklung des letzten Jahrzehnts gab das Be- wärtig ein Verschmelzungsgrad erreicht, der Beachtung

kanntwerden mit den Äußerungen einer, wie wir zu erheischt und neue Entwicklungs-Möglichkeiten birgt,
sagen lieben, »primitiven« Kultur. Urteil und Form- *

gebung des Europäers reagierten positiv auf den neuen Fritz August Breuhaus hat sich kürzlich in Mün-
Glauben, der einer mehr oder minder bewußten Sehn- chen ein Heim geschaffen, dessen Stil eine konsequent
sucht entgegenkam. Diese Sehnsucht ist im Hinblick auf verarbeitete Antwort auf den Gewissensapell des »Pri-
die vorhergegangene, in jeder Beziehung industriell-expan- mitivismus« darstellt. Es ist natürlich, um Mißvcrständ-
sive Epoche als »Rückschlag« teilweise angedeutet, aber nissen vorzubeugen, kein Museum von Negerplastiken
nicht klar genug begreiflich gemacht. Sie war alles andere oder dergleichen (eine einzige an wundervoll exponierter
als das bloße Bedürfnis nach Abwechslung, sie war mehr Stelle ist vorhanden), auch werden die, denen Breuhaus
als Widerstand gegen den Prozeß allgemeiner Rationa- bekannt ist, keinen Mangel an Komfort vermuten; son-
lisierung und Mechanisierung: es galt, die abendländische dem es soll damit nur gesagt sein, daß diese Räume —
Kunst in lebensunmittelbare Naivität überzuführen ein »Heim« ausmachen. . Die Räume, die sich Breuhaus
und in Zusammenhang zu bringen mit den elementarsten, hier ausdachte, haben alles Zufällige, Episodische, Lär-
uns bewegenden Dingen im Rahmen des gegebenen Ra- mende abgestreift; sie gehen auf im Dienste dessen, den
tionalisierungs-Prozesses . . Damit ist ein »Umschwung« sie beherbergen, und wenn man sie nicht braucht, liegen
gekennzeichnet, der zutiefst das Schaffen, auffallend aber sie in sanftem, wärme erfülltem Schlaf. Sie sind »primi-
auch den Geschmack der Öffentlichkeit beeinflußt und tiv«, denn alles an ihnen ist selbstverständlich und er-
darüber hinaus der Kunst eine zentralere Funktion im Kom- füllt vom »Mythos des Daseins«; sie sind Früchte einer
plex der gesellschaftlichen Erscheinungen angewiesen hat. hohen Zivilisation, denn sie wachsen in Linie, Form und
Die so veränderte seelische Verfassung, durch den Farbe aus den Gegebenheiten einer methodisch-strengen
Druck wirtschaftlicher Einengung richtungsgleich unter- Gegenwart . . Der Hauptraum der Wohnung stellt eine
stützt, unterwirft den entdeckten »Primitivismus«, um nahezu vollkommene Lösung des Problems »Wohnzim-
ihn in das Kulturbild Europas aufzusaugen, zahllosen mer« dar. Noch erfüllt vom Rhythmus des Vestibüls,
Modifikationen. Auf einem, zugleich persönlichsten und in gelb und rot, — betritt man diesen Raum, dessen ver-
zweckgebundensten Betätigungsfeld des künstlerischen hältnismäßiger Größe durch einen eingezogenen Plafond

1925. vrr.».
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