Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

Seite: 368
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368 INNEN-DEKORATION

professor fritz schumacher-hamburg sitzungssaal der qewerbekammer-hamburg

spannt ist, in ununterbrochenem, sichtbaren Zug durch
acht Geschosse hindurchgehen. Geschmiedete Gitter
bilden den einzigen Schmuck (S. 370). Die andere Treppe
zeigt nur im Erdgeschoß ihr durch zwei Geschosse gehen-
des System als die eine Wand einer von Galerien um-
schlossenen Halle (S. 366—367), und wird im weiteren
Verlauf durch die verschiedenen Geschosse in Teile zer-
legt. Die Ausführung der Anlage geschah in Stampfbeton,
dessen die Konstruktion zeigenden Teile in ihrer Ober-
fläche werksteinmäßig scharriert sind. Auch die Decke
der Halle ist in Beton gestampft. Außer den feinen
Formen der Eisengeländer und Beleuchtungskörper bil-
det der Terrazzofußboden den einzigen Schmuck des
Raumes. Er umspannt das achteckige Becken eines kleinen
Zierbrunnens, der durch ein Bronzefigürchen gekrönt
ist (Bildhauer Arthur Storch). Ein zweiter keramischer
Wandbrunnen mit einer Katzengruppe von Bildhauer
Ely ziert eines der Podeste des Treppenhauses (S. 372).

Bei der Benutzung des Gebäudes spielen Sitzungs-
säle eine besonders hervortretende Rolle. Es sind Räume
für 30, 50 und 100 Personen vorgesehen, ein Saal faßt
250, der größte 400 Personen. Er ist so angeordnet,
daß er mit dem vorgenannten verbunden werden kann.
Zahlreiche Stiftungen haben ermöglicht, die Räume vor-
nehmer auszustatten, als der Staat es sich erlauben kann.
Im großen Saal wurden beispielsweise reiche Fenster
von Professor Czeschka ausgeführt, die ihre Wirkung

durch eine Zusammenfügung ganz heller Gläser in kräftig
gezeichneter Bleifassung erreichen (Ausführung Gebr.
Kuball). Die Holztäfelung im Sitzungssaal der Gewerbe-
kammer (S. 368) wurde gestiftet (Ausführung Wilhelm
Zürner). Beleuchtungskörper und künstlerischer Schmuck
konnten beschafft werden; im großen Sitzungssaal (Seite
366) war eine Vertäfelung durchführbar (Ausführung H.
C. A. Grimme). So tragen die hier abgebildeten Räume
zwar den Charakter eines Verwaltungs-Gebäudes, haben
aber doch im Einzelnen die freiere Bewegungsmöglichkeit
bei der Durchbildung ausgenutzt. Trotzdem die Aus-
führung zum großen Teil in die Kriegszeit fiel, hat das
Hamburger Handwerk und Gewerbe bei dieser Ge-
legenheit seine volle Leistungsfähigkeit gezeigt. . f. sch.



DIE KUNST keines Volkes und keiner Zeit ist je-
mals etwas anderes gewesen als die Umformung
der historischen Gesamtsituation in das Ideale. Das all-
gemeine gesellschaftliche Sein einer Zeit wird auf diese
Weise immer von neuem ästhetische Form. Weil es so
ist, sind aus der Kunst einer Zeit auch stets die sämt-
lichen besonderen Wesenheiten der Kultur des betref-
fenden Zeitalters abzulesen. Aber auch das Umgekehrte
gilt: die volle Klarheit über das Wesen der Kunst einer
bestimmten Epoche bekommt man einzig durch die Ent-
schleierung der historisch-ökonomischen Grundlagen
und Tendenzen des betreffenden Zeitalters, ed. fuchs.
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