Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 36.1925

Page: 449
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1925/0467
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
INNEN-DEKORATION

449

architekt paul laszlo -wien fensterwand mit toiletten-tisch

solchen Möbel gegenüber bin ich stets vollkommen es zur rasch verpafften Zigarette, zum knappen oder
»souverän«. Ich lebe eben, folge meinen unschuldigen leicht wechselnden Gespräch, wie erschwert er das
Launen, — und das Möbel ist vielmehr »Funktion« mei- Vorwärtsbeugen, die Gestikulation, überhaupt das natür-
ner Bidürfnisse und Gelüste als vorgezeichnete, selbst- liehe Mitgehen des Körpers bei Her Unterhaltung! . .
herrliche Fassung meines Daseins. . Ich preise das ver- Es ist völlig verkehrt, daß sich für uns heute noch
nünftige, angenehme, elegante, lächelnde, sogar etwas vielfach mit dem Begriff des vernünftigen, leichten,
ironische Bett der modernen Wohnung; das Bett, das zweckmäßigen Möbels der Begriff der Kälte und Nüch-
mich liebt, aber nicht versklavt, das gefällig und zweck- ternheit verbindet! . Es gibt im Mobiliar eine liebens-
mäßig ist, aber in der Weise eines gescheiten, flinken würdige, und ausgesprochen leichte »Gemütlichkeit«,
Dieners, nicht in der Weise eines schwerfälligen alten die tausendmal angenehmer ist als die im braunen, ange-
Faktotums mit Backenbart und Schnupftabaksdose. . . . rauchten Galerie-Ton, die gleichsam bärenhaft brummt
Ähnlich steht es mit den Sitz möbeln. Wir lesen und dem Menschen allerlei gutmütigen Zwang antut. .
nur schmale Bücher, wir haben eine heilige Scheu vor Mit gefälligen Möbeln, mit leichten Stühlen und niederen
dicken Schmökern, die uns auf Tage hinaus unserer Frei- Tischen, mit freundlichen Sofas und verglasten Schrank-
heit zu berauben drohen. Und so passen zum modernen Möbeln kann man eine ganze Menge Behagen und Wärme
Menschen eigentlich auch nur Sitzmöbel, auf die man aufbauen. . Freies Behagen, zwanglose Wärme! Wir
sich mit knapper Wendung, ohne ein Gespräch zu unter- wollen doch alle frei und Herren sein, d. h. wir wollen
brechen, niederläßt, und von denen man leicht und ohne spielen können, — denn nur als Spielende (man denke
Schnaufen wieder aufsteht. Was sollen uns Modernen an Schiller!) sind wir echte und freie Menschen. . Es
jene Mammute von Sesseln, die man »beschreitet« wie leben die heiteren, freundlichen Räume, es leben die
einen orientalischen Königsthron? Die den Menschen wohlerzogenen, leichten, gefälligen Möbel, in deren Um-
psychologisch »fixieren«, indem sie ihn tief in Polstern gebung es ein Fest ist, Mensch zu sein! . werner mill.
begraben, oder so einbauen, Haß er knapp noch seine *

Ellenbigen plazieren kann? Wie schauerlich ist solch "V^ENIE. »Haus-oder Rebhuhn?« Ich finde, daß beide

ein Möbel, zu dessen Fortbewegung Pferdekräfte von- y V gleich vortrefflich munden! »Rebhuhn ist teurer«,

nöten sind.— insbesondere vor dem Schreibtisch, wo es Ach so! Na, dann schmeckts mir auch mehr!« . Eine

den glücklichen Besitzer »immobilisiert«, — weil er sich boshafte Xenie des Epigrammatikers Martial, aus der

vor dem Zurückschieben fürchtet! Wie schlecht paßt römischen Kaiserzeit.. Sie regt zum Nachdenken an. . l.
loading ...