Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

Page: 3
DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1926/0027
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
XXXVII. 1AHRG._ DARMSTADT. JANUAR 1926.

DER EWIGE SÜDEN

ZU ARBEITEN VON PROFESSOR EDUARD PFEIFFER. VON WILHELM MICHEL

Alle Form und aller Leib sind von Süden; alle
l \ Seele und Sehnsucht sind von Norden. Das
gilt nicht in dem Sinne, daß der Norden zu Form
und Leib nur durch eine unmittelbare Einwirkung
des Südens gelangen könne; wohl aber in dem
Sinne, daß Form und Leib im Süden ihre stärksten
Verlautbarungen, ihre günstigsten Lebensbeding-
ungen gefunden haben. Der Leib ist der »Ge-
danke« des Südens, die Seele der »Gedanke« des
Nordens. Der Deutsche, der von Norden nach
Süden geht, vollbringt immer die Wanderung der
Seele nach dem Leib, des Lebens nach der Form.
Er vollbringt die Wanderung der strömenden Zeit
nach dem stehenden, seligen Augenblick. . Gäbe
es keinen anderen Grund, die Antike als lebendiges
Bildungsgut in unserer Welt zu erhalten: hinrei-
chend wäre schon der eine, daß die Antike die
größte Wortführerin des Südens ist und das ge-
waltige Beispiel bleibt dafür, wie Seele und Leib
sich in der vollendeten Ordnung der Form zusam-
menfügen. Wenn unser Auge die Linien und Flä-
chen der Marmorgestalten vom Tempelzu Olympia
abtastet, so fühlt es: haarscharf fallen hier die
Umrisse von Leibgestalt und Seelengestalt zusam-
men. Zwei Welten verknüpfen sich zu einer Wirk-

lichkeit von solcher Intensität, wie sie die euro-
päische Kunst nie wieder erreicht hat. Im nordi-
schen Bereich ist der Leib Symbol des Geistigen,
oder sein Fackelhalter, oder eine derbe, entseelte
Masse; die Seele schießt über und verschwärmt
sich oder sie birgt sich scheu im Winkel und läßt
Massen toten Stoffes stehen. Die Antike aber gibt
das große Beispiel der vollkommenen, weiträu-
migen Durchdringung der beiden Elemente. Sie
gibt im unzweideutigen Leib das Seelische zu
tasten, sie ist ideale Schöpfung und macht, weil
ihre Gestalten in sich einig sind, auch den schauen-
den Menschen zu einem einigen, geeinten Wesen.
Sie bat den einen Augenblick ruhigen, gipfel-
haften Verweilens, der Europa geschenkt wurde,
in ewig gültigen Formen festgemacht und läßt ihn
weiterwirken durch alles Mühen und alle Begeiste-
rungen, die das nordische Gestalten durchlebt.
Etwas von jener Fahrt nach dem »ewigen Sü-
den« prägt sich auch in der jüngsten Entwicklung
Eduard Pfeiffers aus. Dieser Künstler, in dem
ein nordisch-romantisches Element vorherrscht,
hat schon manche Wanderung hinter sich. Er ging
achtsam in den Geist alten deutschen »Hausge-
stühls« ein, wie es sich im Bezirk regionaler, vor

1920. L 1.
loading ...