Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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XXXV11.1AHRG.

DARMSTADT.

FEBRUAR 1926.

DAS KLEID DES FENSTERS

DIE KÜNSTLERISCHE FASSUNG DES TAGESLICHTS

Durch die Fenster kommt das Licht, aber es
strömt nicht formlos ein, ein ungebändigter
Schwall, sondern es wird alsbald geformt. Das
Fenster ist die erste künstlerische Fassung des
Tageslichtes. Es setzt den uferlosen Segen des
Lichtes draußen in eine erste geordnete »Bezieh-
ung zum Raum« drinnen . . Aber das Fenster hat
ein »Kleid«. Es braucht ein Kleid, um den harten
Gegensatz zwischen dem einströmenden Licht und
der scharfen, dunklen Umfassung in einen abge-
stuften, menschlich sinnvollen Übergang zu ver-
wandeln. Die Fenster-Bekleidung besorgt die ge-
ordnete Modulierung des hereinbrechenden Lich-
tes. Sie wandelt es nach den Zwecken des Raumes
und des Menschen ab, sie streut es in abgemes-
sener, wohllautender Dosierung über Teppich,
Wände, Tisch und Sessel. Sie gibt dem Lichte die
eigentliche Führung, die ihrerseits dann die plasti-
sche und malerische Erscheinung des Raumes be-
stimmt. Wir empfinden ein Zimmer meist erst
dann als völlig »eingerichtet«, wenn es eine sinn-
volle Fenster-Bekleidung besitzt. Sie bestimmt das
besondere Gepräge des Raumes in viel höherem
Maße, als man sich gemeinhin eingesteht. Die Fen-
ster-Bekleidung ist, als eine ständige dramatische

Spannung zwischen dem Licht und verschiedenen
licht wehrenden Stoffen, ein dichterisches, ein
höchst lebendiges Element der Raum-Gestaltung.
Ein- und dasselbe Fenster kann je nach seinem
Kleid eine feine, nüchterne Fassung des Lichtes
oder eine rauschende pompöse Orchestrierung des-
selben sein. Die Bekleidung des Fensters kann
dem Raum hohe, steile und breite Flächen zuwen-
den, die das Licht feierlich und gleichsam gemes-
senen Schrittes einlassen. Sie kann scherzhaft mit
ihm spielen und den Raum mit heiteren Kurven
bereichern. Sie kann pathetisch und nüchtern,
lyrisch und mondän geprägt sein. Jedesmal wird
das Wort, das die Fenster-Bekleidung spricht, ein
wichtiges und stilgebendes Wort des Raumes sein.
Seit dem 17. Jahrh. wurden die vielfältigsten Mög-
lichkeiten der Fenster-Dekoration verwirklicht;
die Verwendung der gemusterten Tapete im Wohn-
raum blieb nicht ohne Einfluß auf die Entwicklung
der Fenster-Bekleidung, deren vermittelnde Rolle
desto bedeutsamer wird, je dunkler der Wandton
des Raumes gehalten ist, während ihre Erscheinung
umso leichter und luftiger wird, je lichter die Wand-
behandlung ist. So wandelt sich mit der Art
der Raumbehandlung auch ständig die Art der

1836.1 . L
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