Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 37.1926

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INNEN-DEKORATION

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architekt georg adlmüller in laufen treppe in der diele im landhaus a. m.

PHANTASIE BEIM MÖBLIEREN

die erfassung des bewegten lebens

Was kannman »Phantasie« beim Möblieren nennen? lebendigen und ansprechenden Raumgebilden führt.
Nun, es ist eine einfache Erwägung, die auf diesen Nicht von den rein »optischen« Gegebenheiten her
Begriff führt. Wenn ich Möbel in ein Zimmer tue, so wird der Wohnraum form- und reizvoll, sondern von einer
habe ich eine mehr oder bestimmte Vorstellung von den umfassenden Beachtung des bewegten Lebens, das
Zwecken, denen sie dienen sollen, von der Art, wie sie sich in ihm abspielen soll. Es steht um den Wohnraum
zum Bewohner und dessen Gästen in Beziehung treten anders wie um das Bühnenbild. Früher baute man —
sollen. Diese Vorstellung kann sehr nüchtern, sehr zweck- oft mit erstaunlichem Aufwand — am Theater Szenen-
haft und sehr wenig nuanziert sein. Menschen, die auf bilder auf, die nach Art effektvoller Gemälde wirkten,
ihre eigenen Lebens-Bedürfnisse nicht achten, Menschen, Der heutige Bühnen-Architekt aber weiß, daß er vor allem
die keine Vorstellungs-Kraft haben, werden auch die Phantasie in Bezug auf das Kommen und Gehen, auf die
Möbel im Wohnraum schwunglos komponieren. Sie wer- Bewegung und Gruppierung der handelnden Personen
den in ihrer Einbildungs-Kraft immer nur einige wenige nötig hat. Er darf nicht ein gleichsam ruhendes, bloß für
Seiten der menschlichen Betätigung im Raum sehen; und das Auge bestimmtes »Schaubild« aufstellen, sondern er
dementsprechend werden sie es bei der Möblierung meist muß für gute Auftritte und Abgänge, für passende Spiel-
nur zu einer kargen, »eindeutigen« Ordnung bringen. ebenen und Gänge, für Stützpunkte der Aktion usw.

* sorgen. Er muß dieselbe Art Phantasie haben, wie sie

Ganz anders aber verfährt der Mensch, der Phantasie für eine ansprechende und anregende Möblierung des

hat, d. h. der sich lebhaft vorzustellen vermag, daß der Wohnraumes vonnöten ist: die Phantasie des Lebens,

Mensch im Raum nicht nur »sitzt« oder »steht,« sondern die abzuwechseln weiß zwischen der mehr ernsten und

sich auch »bewegt« und »gruppiert«, daß sein Auge be- mehr heiteren Gruppierung, zwischen leichteren und

stimmte Befriedigungen braucht, daß überhaupt mensch- schwereren, höheren und niederen Motiven, sodaß eine

liches Leben eine Art »Drama« ist, mit vielfältigen und gefällige, bewegliche und oft »improvisiert« erscheinende

wechselnden Szenen. Eigentlich ist es nur diese Art Apparatur eines entspannten, selbstbewußten und frohen

Einfühlung in das konkrete menschliche Leben, die zu Lebens im Hause zustande kommt. . . . Heinrich ritter.
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