Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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XXXIX. 1AHRG._DARMSTADT._FEBRUAR 1928.

KLEINE HÄUSER AM BODENSEE

ERBAUT VON PROFESSOR EDUARD PFEIFFER—MÜNCHEN

Wir sollten nicht so fürchterlich kompliziert sein.
Denn wirklich, wir haben uns daran gewöhnt,
in jeder Beziehung zu große Ansprüche zu stel-
len. Ohne alle die »neuesten Errungenschaften«
glauben wir nicht leben zu können. In jedem Haus-
halt gibt es tausend, oder noch mehr? — unnötige
Dinge. Sind wir glücklicher geworden durch das
Allzuviele, das wir besitzen? . Was genießt in den
meisten Fällen der Besitzende von all diesen Gütern,
die so oft der Zufall zusammentrug? Er lebt in
einer Masse von Dingen, die in keiner Bezieh-
ung zu ihm stehen. Vielleicht hat er in seiner Zim-
mer-Ecke eine chinesische Vase, die ihn an eine
Weltreise erinnert, vielleicht stehen noch einige
Gegenstände herum, die ihm als Andenken lieb
sind, aber diese Dinge leben ein verkümmertes
Dasein inmitten eines Wustes unpersönlicher An-
schaffungen. Und ihr Besitzer ist vielleicht der Lei-
ter eines großen Betriebes, in dem er auf strengste
Wirtschaftlichkeit bedacht ist, er schwört auf den
modernsten, gemäßigten Taylorismus, auf Fließ-
arbeit und Psychotechnik. Kehrt er in sein Heim
zurück, dann vergißt er das alles; sein Beruf ist
aus, die Unbequemlichkeiten müssen hingenommen
werden, die des Verkehrs sowohl wie die der Häus-

lichkeit. Werden die Unbequemlichkeiten zu groß,
dann geht man in ein Lokal; da hat man wenigstens
Anschluß an das »Leben«. Diogenes war glück-
licher in seinem Faß, denn dieses war ihm »ange-
messen«. Unsere Wohnungen sehen meist aus wie
schlecht geschnittene Kleidungs-Stücke: sie sind
den wirklichen Wünschen und Bedürfnissen der
Bewohner ganz und gar nicht angemessen. Zum
Teil liegt das an der Architektenschaft. . Ein Ar-
chitekt muß in seinem Fach auf der Höhe sein.
Wir brauchen heute Architekten, die urgezählte
Träume zu beherrschen wissen. . Heute bewohnt
Herr Irgendjemand eine Siebenzimmer-Wohnung,
inmitten eines rasenden Großstadt-Getriebes, mit
Autogehupe, Trambahn-Gerassel, eine »Mietwoh-
nung in vornehmer Lage«. Dieser Irgendjemand
würde vielleicht ganz gerne anders wohnen,
er denkt bloß nicht daran, er hat anderes im Kopf.
Seine Kinder würden noch viel lieber anders
wohnen; doch sie wissen es nicht. Die Großstadt
hat heute weithinaus ihre Verkehrsnetze gespannt,
rascher als es der Bürger von 1800 konnte, sind
wir draußen im freien Land. . Sollten wir
nicht modern sein und uns diese Einrichtungen
heute in viel höherem Maße zunutze machen?

1928. II. 1.
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