Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

PROFESSOR HEINRICH STRAUMER-BERLIN HAUS Dr. T.-DAHLEM. ANSICHT VOM GARTEN

Sind wir rückständigen Mitteleuropäer mit dem Bann-
fluch zu belegen, wenn es uns vom wohlgedeckten Tisch,
von schöngeformten Tellern besser schmeckt, wenn wir
uns beim ersten Glase zutrinken, wenn wir den Tisch mit
Blumen schmücken, wenn wir das gewohnte Zeremoniell
der Gastlichkeit nicht aufgeben wollen? Ist es wirklich
nur eine »üble Gewohnheit«, wenn die Frau sich in kost-
bare Stoffe kleidet, wenn der Herr eine bunte Krawatte
und einen bunten Pullover trägt? . Wir machen einen
Unterschied zwischen BüroundWohnraum. Selbst
unser Herrenzimmer soll wesentlich anders aussehen als
ein Zeichen-Atelier. Warum ist uns das nicht auszutrei-
ben? Und warum gefällt uns die Lampe, die ihr Licht
mit einer feinen Geste darbietet, besser als die Eisenkon-
struktion, an der zufällig irgendwo eine Birne steckt? .

*

Meine Herren! Seid mal aufrichtig. Habt ihr es nicht
gern, wenn euer Dienstmädchen nett gekleidet ist, wenn
es seine Darreichungen mit Anmut ausführt? Oder wollt
ihr statt dessen auch Automaten einführen? Das Ideal
des wahrhaft modernen Menschen ist doch der Automat.
Wenn euch nur nicht friert zwischen den so sauber kubi-
schen Wänden, zwischen Instrumenten und Automaten!
Der Stuhl ist bekanntlich nach der neuen Lehre ein »In-
strument zum Sitzen« und das Haus eine »Maschine zum
Wohnen«, wie das Auto eine Maschine zum Fahren ist.
Logisch, nicht wahr? Ihr müßtet eigentlich auf dem Motor

sitzen oder auf dem nackten Chassis. Die Karosserie
»verkleidet« doch nur die konstruktiven Formen! Darf
ein Tisch geschwungene Beine haben? Das ist vom
Standpunkt der neuen Baugesinnung zu verneinen. Es
ist charakterlos. Und wenn es auch zehnmal gefällt. .
Zwischen Türe und Tor, Eingang, Pforte gibt es keinen
Unterschied mehr. Die verschließbare rechteckige Öff-
nung wird mit Unrecht Tür genannt, denn mit diesem
Wort verbindet sich doch die Vorstellung von Willkom-
men und Abschied, von sicherem Bergen. Es war früher
Aufgabe des Architekten, sofern er sich als Baukünstler
fühlte, treffende Formulierungen für das Wesen und die
Stimmung der Türe oder der Pforte zu finden, den Be-
leuchtungskörper als Boten des Lichtes zu charakte-
risieren, eine Treppe feierlich zu gestalten oder intim,
dem Fenster das Odium des Loches in der Wand zu
nehmen, eine freundliche Verbindung mit der Außenwelt,
mit Licht und Luft darin zu gestalten. Das ganze Haus
sollte ein besonderes Haus sein, nicht die Konstruktion
7 oder 27, sondern ein »Herrenhaus«, ein »buen retiro«,
ein »Belvedere«, ein »Heidehaus«, ein »Malerheim«,
jeder Fall fast lag anders. . Bitte sagen Sie von irgend
einer der neuen Konstruktionen, als was sie gedacht,
für wen sie bestimmt sind! Das ist abgescharrt. Wir
waren eben noch so stolz auf die Einsicht, daß ein Haus
um einen Menschen oder um eine Familie »herumgebaut«
sein muß, daß es in eine Landschaft oder in ein Volk
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