Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKO RATION

ATELIERS FLATOW & PRIEMER — BERLIN WOHNZIMMER. LANDHAUS AM WANNSEE

WÜRDE DER MENSCHEN-GESELLUNG

WIR SIND ANGEHÖRIGE EINES »ZUSAMMENHANGS«

Gegen das Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich um gesegnet, wie diese Frau Rat Goethe, die nicht einmal

die »Große Landgräfin« von Hessen Darmstadt jener ein kaltfarbiges Kleid an sich leiden mochte. Aber daher

Kreis von Männern und Frauen gebildet, der unter dem liegen auch die produktiven Kräfte matt und schwach

Namen der »Darmstädter Empfindsamen« bekannt ist. ernährt in uns, und statt der mächtigen Brudergefühle,

Goethe, der »Wanderer«, kam oft von Frankfurt her- die damals hoch über allen Häuptern zusammenschlugen,

über; viele wechselnde berühmte Gäste vervollständigten kennen wir die Angst und das Mißtrauen, die Maske und

den Kreis. Man durchschwärmte die Wälder und Felder, das bittere Gelächter, den Schrecken, den Aufschrei und

saß nächtlich an Felsen, liebte den Mond und ging in einer die Bedrohungen der Tendenz zum Untergang......

Wolke freundschaftlicher und verliebter Wärme einher. . ★

Uberschwängliche Gefühle loderten zum Himmel, über- Wann werden wir erkennen, daß dies »Einsamkeits-
schwängliche Briefe und Gedichte bezeugten die seelische erkrankungen« sind, Strafen für Geistesdürre und Lieb-
Wärme, die diese Gruppe von Menschen einhüllte. . . losigkeit, Folgen und Symptome der Feindseligkeit, mit

★ der wir in der Burg unsres Ich verharren und uns gegen

Wir lächeln heute über diesen »Triumph der Empfind- den Nebenmenschen wie gegen die Wirklichkeit der Welt

samkeit«. Aber er war einer der Frühlinge der deutschen überhaupt abschließen?. Wir schmeicheln uns heute, der

Seele, und von den Früchten, die nachmals aus ihm reif- Welt einen Sinn und eine Ordnung, die sie ohne uns nicht

ten, zehren wir heute noch: von Goethes schöpferischer hätte, erst zu bringen. Wann werden wir wieder begreif en,

Gestalt und seinem Werk, das nie so herrlich hätte daß die Welt nicht etwa deswegen in Ordnung ist, weil

erstehen können, wenn nicht diese warmen Sonnen wir sie geistig geordnet haben, sondern daß wir nur des-

und Regen über seinem Jugendland gestanden hätten. . halb in Ordnung sind, weil die Welt mit ihren lebenden

Wir sind nicht empfindsam. Wir schwärmen nicht, wir und angeblich toten Dingen ständig ordnend, Sinn und

sind nicht mit einem Uberschwang an Wärmegefühlen Grenzen gebend auf uns einwirkt! Gäben sich nicht die
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