Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

PROFESSOR E.FAHRENKAMP-DÜSSELDORF SCH1EBETÜRE VOM TANZSAAL ZUM CAFE

ALTE ODER NEUE KUNST?

EINE DEBATTE MiT SCHIEDSRICHTERN IN CHICAGO

Lebendige neue Ideen lassen sich in ihrer Auswirkung
j nicht aufhalten — auch wenn sie aus dem alten Europa
hervorgehen. So sieht sich Amerika genötigt, immer
mehr mit dem Problem der »neuzeitlichen Kunst«
auseinanderzusetzen, das seit der Jahrhundertwende bei
uns aktuell ist. Das Wandern der großen »Kultur -
welle von Ost nach West«, das sich über Jahrtau-
sende hinzieht, wird auch hier wieder erschaubar. Etwas
widerstrebend empfängt Amerika diese Welle, sie ver-
letzt ein wenig das Selbstgefühl, — jedenfalls muß man
schleunigst trachten, eine hundertprozentige »neue ameri-
kanische Kunst« daraus zu machen. Im Westen, in Los
Angeles, dem zur Konkurrenz New Yorks steil auf-
strebenden Film-, Südfrucht- und Petroleum-Paradies
faßt das Neue am schnellsten Wurzel; in New York
zeigen sich auch schon die ersten Frühlingstriebe. Jetzt
beginnt Chicago seine Anteilnahme an der aktuellen
Frage deutlicher zu zeigen. . Der Geist der neuzeitlichen
Kunst hat also in U. S. A. sein Quartier aufgeschlagen.

Die Aktualität des Problemes: »Alte oder neue
Kunst?« war in Chicago vor kmzem die Veranlassung
zu einer amüsanten und interessanten, offiziellen Debatte
vor einem Tribunal von drei Schiedsrichtern, —
unter den Auspizien der »Association of Arts and

Industries« im »Art Directors- Club«. Drei bekannte
Fachleute waren Fürsprecher der neuzeitlichen, drei
Fachleute — darunter ein Deutsch-Amerikaner — fungier-
ten als Sachwalter der alten »angewandten Kunst«. Die
Jury bekannte sich schließlich einstimmig zu dem Stand-
punkt: »unsere Zukunft liegt in der neuen Kunst«. . .

Der erste Redner führte aus: es gebe so viel Neues, das
für unsere Zeit charakteristisch ist, daß die alten Stile
dafür keinen angemessenen Ausdruck bieten. Der
traditions-gebundene Künstler ziehe sich ängstlich vor
dem Kontakt mit dem modernen Leben zurück. Bei der
Anwendung »klassischer« Grundprinzipien auf jedes
Problem entstünden sehr häufig sinnlose Plagiate. Andere
Zeitalter haben vernünftig und ehrlich ihren Ausdruck
gesucht, dasselbe sollen auch wir tun . . — Der Gegen-
redner bezweifelte, daß unsere moderne Kunst von der
Nachwelt anerkannt würde. Moderne Kunst sei ent-
standen aus der Armut, die der Krieg brachte. Die
Künstler mußten, von der Welt abgeschnitten, ohne
Verbindungen, notgedrungen auf dem Papier »etwas
Neues« (»something different«) erfinden. Chippendale,
Hepplewhite, Adams usw. seien die bewährte Stilart
für das behagliche Heim. . Der nächste Redner setzte
die neuen Gedanken unsrer Zeit und Eigenschaften der
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