Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKORATION

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LORENZ HUTSCHENREUTHER A. G.-SELB PORZELLAN: »ZEITGEIST« VON K. TUTTER

MISZELLEN ÜBER KERAMIK

VON KUNO GRAF VON HARDENBERG

Wer sein Heim liebt, der gebe ihm den Zauber edler behandeln und den Menschen nahe bringen können. Wir
Keramik. Nichts belebt so erfrischend die ernsten brauchen große keramische Museen, die uns die histo-
Linien der Möbel, bevölkert so lustig die Glasschreine rischenundinternationalenZusammenhängeinderKeramik
als die farbigen, bald organisch, bald abstrakt geformten vermittelten, und uns ihre Bedeutung, als der dem Kultur-
Gebilde der Keramik, des Porzellans! Die weite Skala menschen am nächsten stehenden Kunst, erkennen ließen,
aller plastischen Möglichkeiten vom gefäßhaft Nutzbaren ★

bis zum künstlerisch Zwecklosen und rein Spielerischen Als die Keramik bei uns nur Freunde hatte, da ver-
verwirklicht sich in ihr leicht und selbstverständlich. . kam sie. Gottlob, sie hat wieder Feinde. Neueste, Zeit

★ und Nutzen wägende Wohnweise will nichts mehr wissen
Es ist viel Kühle und Abstand, viel edelsteinartiger von launischen Formen und Figurwelten, von Spiele-
Farbenzauber und viel Anmut und Sinnlichkeit um gute rischem, das gestern und vorgestern noch galt. So wird
Keramik, darum werden vornehme Seelen ihr immer sich's reinigen und nur das wird vielerwärts bleiben, das

zugetan sein. . Und daß sie empfindlich ist, leicht zer- sich durch überzeugende Qualität retten konnte.....

brechlich, zart in der Substanz, unersetzlich, wenn einmal ★

gesprungen — das gibt ihr besonderen Reiz und höchsten Es gibt wohl kaum eine Periode der Kulturgeschichte,

Zauber. Wem sie Glück ist, der muß sie hüten, sorgsam die nicht ihre eigene Keramik gezeitigt und entwickelt

lieben mit sanften Händen, sie halten können, pflegen! hätte. Schon der Neandertbaler formte sich sein weib-

Ihr Dank ist Erziehung zu feinster Bildung: sie zwingt liches Schönheits-Ideal in Ton. Und welche Wunder

aus ihrem Wesen heraus zu Respekt........... haben sich nicht in der Entwicklung des keramischen

* Gedankens seit jenen Urtagen vollzogen: Formen- und
Das Verständnis für gute Keramik müßte geweckt Farbenwunder! Man denke an China, das schon kera-

werden. Es fehlt an öffentlichen Sammlungen von guter mische Magie vollbrachte, als ganz Europa noch in Primi-

und bester Keramik. Es fehlt an Interpreten, die das tivität schlief. Man denke daran, daß Alexander der

Wesen der formenden Keramik, der Vasen und Schalen- Große von persischen Schalen speiste, deren Türkisblau

kunst, der keramischen Groß- und Kleinplastik richtig uns heute noch ein unerreichbares Ideal bedeutet. Man
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