Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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XXXIX. JAHRG.

DARMSTADT.

JUNI 1928.

ARBEITEN VON RUDOLF LORENZ—WIEN

VON ARTHUR ROESSLER—WIEN

La Rochefoucauld behauptet: der Kopf sei »stets
4 der Narr des Herzens«, eine Überzeugung, von
der vermutlich auch Casanova ganz zuletzt durch-
drungen war. Aber er kannte Rudolf Lorenz
nicht, der, wenigstens in seiner Eigenschaft als der
angewandten Kunst Beflissener, seinen Kopf von
jeglicher Narretei frei hält. R. Lorenz zeigt sich
nämlich nie in sich selbst verliebt, wie die meisten
Verliebten, und auch nicht verliebt in die von ihm
hervorgebrachten Dinge, wohl aber von Liebe
zu den Menschen beseelt, daher auch stets dazu
bereit, sich mit dem Wesen, der Art und Unart
jener Menschen eingehend zu beschäftigen, für die
er etwas tischlern oder bauen, kurzum Lebens-
praktisches gestalten soll. Irgendwelche Vorein-
genommenheiten, auch wenn sie weitverbreiteten
Anschauungen als Tugenden gelten, sind für sein
Tun nicht bestimmend. Er schafft aus Instinkt, aller-
dings einem Instinkt, der sich des feinsten Werk-
zeuges bedient: einer witzig-scharfen Intelligenz,
die zu ihrer Emotion der Hindernisse bedarf. Von
Anbeginn seines Wirkens auf dem Gebiete der
Innenarchitektur, des Möbelbaues, der angewand-
ten Kunst im allgemeinen, übte Rudolf Lorenz ver-
möge der ihm innewohnenden besonderen Kraft,

Anziehung auf modern gesinnte Raumgestalter aus.
So kam es denn, daß sich ihm Architekten wie
Hugo Gorge, Hans Döllgast und andere gesellten.
Willfährig brachte er, als technischer Mitarbeiter,
aus Freude am regen Tun, am wagemutigen Experi-
ment, zur Ausführung, was andere erdacht hatten.
Er fand diese Tätigkeit so unterhaltlich wie lehr-
reich aber doch nur eine Zeit lang, denn bald
erkannte er sie als im Grunde doch zu ästhetenhaft-
spielerisch und verwirrend; er entzog sich ihr des-
halb entschlossen, um ganz schlichte, notwendige
Arbeit zu verrichten. Die Wahrheit begann er
der Schönheit vorzuziehen, die Unmittelbarkeit
der Wirkung des Zweckmäßigen gegenüber den
mannigfachen Reizen der Stilgebilde zu schätzen.
Es erscheint ihm nicht nötig, mit Absicht immer
etwas Neues zu sagen, wenn das wiederholt Ge-
sagte an sich klug, richtig, nützlich oder schön ist,
und auch nicht nötig, unter allen Umständen etwas
Neues, Noch-nie-dagewesenes zu tun. Er denkt
nicht auf dem Papier, zeichnet nicht graphisch
berückende Entwürfe, er denkt mehr im Material,
formt aus dem Material zweckbestimmte, zweck-
volle Geräte und Bauten. Den Krösussen des Deko-
rativen mag es deshalb mit ihm so ergehen wie

1928. YI. 1.
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