Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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INNEN-DEKO RATION

DAS NOTWENDIGE UND DAS GEWOHNTE

Die Architektur nimmt eine Sonderstellung unter
den bildenden Künsten ein: sie hat nicht nur,
wie die anderen, die Funktion, als »Kunst« leben-
steigernd und lebenerhöhend auf unser inneres
Menschsein zu wirken, — sie soll auch Zwecke
erfüllen, welche die Führung unseres äußeren
Lebens als Forderungen aufstellt; ja sie soll erst
diese Aufgabe erfüllen, bevor sie »Kunst« sein
darf. So kommt es, daß alle jene Dinge, deren
großen Bereich wir im weitesten Sinne unter der
Bezeichnung »Architektur« umgrenzen, zunächst
daraufhin angesehen werden, ob sie einem Zweck
entsprechen, und dann erst auf ihre »ästhetischen«
Qualitäten geprüft werden. Eine deutliche Schei-
dung beider Momente läßt sich dabei nicht durch-
führen; sie wäre auch sinnlos, denn die reine
Zweckform ist letzten Endes eine einzige Form:
wenn wir vom Stuhl z. B. nichts anderes verlangen,
als daß er einen sich setzen wollenden Menschen
in diesem Bedürfnis ganz befriedige, so gelangen
wir in der »zweckentsprechenden« Formung zu

einem Gerüst von Sitzfläche mit tragenden und
verbindenden Stützen, das ein für allemal gilt.
Das, was diese primitive Zweckform zur Kunst-
form macht, kommt aber nun nicht einfach »dazu«.
Wie wollte man wohl beim Chippendale-Sessel
sagen, wo der Zweck aufhöre und die »Kunst«
anfange? — Die architektonische Kunstform be-
inhaltet eben von Anfang an die Zweck-Erfüllung
in sich. Der ursprüngliche reine »Zweck«, der
den Anlaß zur Formung überhaupt gab, muß aller-
dings auch in ihr zum Ausdruck kommen. . Die
allgemein übliche Betrachtung der Architektur
vollzieht sich daher immer in einer Durchdring-
ung und Verkoppelung zwecklicher und ästhe-
tischer Wertungen. Man verlangt von dem
Dinge, welches »uns wohlgefällig« sein soll: es
müsse nicht nur seinen Zweck erfüllen, sondern
auch so aussehen, daß wir von dieser Zweck-
Erfüllung überzeugt seien. Das heißt mit anderen
Worten: wir haben z. B. eine bestimmte Vor-
stellung von der Stärke der Füße eines Stuhles,
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