Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 39.1928

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UEBER SACHLICHKEIT UND FORM

eine kurze definition des unterschiedes

Urquell alles menschlichen Schaffens ist die per- für jeden festen Stoff unerläßlich ist. Aber im
sönliche Schöpferkraft. Die von Menschen Kunstwerk ist die Form das zutiefst Wesent-
geschaffene sichtbare Form entspringt der »tech- liehe, weil nur deren sinnliche Wirkung die ästhe-
nischen Intuition« oder der »künstlerischen tische Wertung möglich macht. . Allestechnische
Vision.« Diese aber sind tiefer geschieden als Schaffen ist unmittelbar meßbar am Nutzeffekt;
gemeinhin anerkannt wird. — Die Dampfmaschine das Ziel aller Technik ist somit eindeutig festzu-
z. B. ist ein Werkzeug zur Ausnutzung der Dampf- legen, und an diesem Maßstab ist der technische
kraft für menschliche Zwecke — dies Ziel wird Fortschritt einwandfrei meßbar. In der künst-
erkannt durch die technische In tuition. Der Dom lerischen Gestaltung ist das jeweils zeitlich be-
ist eine Bauform, die zur An- ^^^^^^^^^^^^^^^^^^ dingte und wandelbare Ideal das
dacht stimmen und über den All- (mithin nicht eindeutig festzu-
tag emporheben soll — das Ziel legende) Ziel; im künstlerischen
wird erkannt durch die künstler- Wlmv^^mmmm Schaffen fehlt jeder Maßstab für
ische Vision. . . Jene bezieht einenFortschritt. An dessen Stelle
sich auf die Erzielung eines aus- mW tritt die stetige Entwicklung und
schließlich begrifflich festgelegten mm die sich wandelnden Ziele — die
Zweckes bei geringstem Aufwand. II Zielfolge, die ihren geschicht-
Diese bedeutet Vorwegnahme der |L\ liehen Ausdruck in der Stilfolge
sinnlichen Gestaltung durch die ■ök findet. . Das trennt im tiefsten
innere Anschauung. . . Anders Bj^W^^^Grunde »Sachlichkeit« und
gesprochen: der technischen »Form«, sobald man sich die
Intuition ist die Stofflichkeit ein Mühe gibt, diese Gedankenreihen
zu überwindendes Hindernis bei zu durchdenken: die Ansicht, die
der Lösung ihrer Aufgaben. Der Erfüllung von Zweckforderungen
künstlerischen Vision ist die erschöpfe den Gehalt von Bau-
Formgebung der Stofflichkeit die werken, ist ein Trugschluß; sie ist
eigentlichste Aufgabe. So sind HjjgSfl nur eine ihrer Voraussetzungen,
auch die Formen, die die Tech- ||H Die anderen Voraussetzungen der
nik oder ihre Nährmutter Natur mm Formbildung entspringen allge-
schaffen, im Grunde von der Kunst mein geistigen Quellen, sind zu-
wesenhaftgeschieden: zwar kann rückzuführen auf den gesamten
jegliche sichtbare Form um ihrer Kulturinhalt der Zeit. dr. leoadler.
selbst willen sinnlich genossen oder ★
ästhetisch aufgefaßt, d.h. zu einem l~xEM KÜNSTLER ist das
künstlerischen Erlebnis werden. g J ganze Leben nur ein Sub-
Tiere und Pflanzen können eben- |i strat seiner Kunst, ihr integraler
so ästhetisch betrachtet werden I Bestandteil, die Kunst kristalli-
wie Maschinen, wie z. B. ein Tele- siert aus diesem Leben. . Wo die
fonapparat oder ein chirurgisches Kunst nur ein Teil des Lebens ist,
Messer. Aber:dierein sinnliche da ist Betrug oder Halbbegabung
Anschauung irgendeiner Form am Werke. Die Nützlichkeits-
kann kein Merkmal ihrer sach- formen von Gebrauchsobjekten
liehen Bedeutung festlegen; diese führen zu Formreduktionen, die
Frage zu entscheiden, ist Sache stilbildend wirken. Aber an je-
der Vernunft, also eine Tätigkeit jfrj hom^, dem neugeschaffenen Objekt
des betrachtenden Subjektsnach müssen sich diese Reduktionen
der erfolgten Wahrnehmung des vom Geiste aus neu und indivi-
Objekts. Oder vom Werk her duell entwirken, wenn es ein
gesehen: im zeitlich dauernden, Kunstwerk sein soll. Die Syste-
technischen Werk ist die Form misierung eines Vorrats von fer-
ein notwendig Anhängen- tigen Reduktionen und deren me-
des, weil die Übertragung einer chanische Übertragung führt zu
technischenLösungin die Wirk- Formelhaftigkeit und einem von
lichkeit der Sachwelt ohne Stoff Mißverstand geleiteten industriel-
unmöglich und die Formgebung r.döcker-stuttgart.stahdlampe lenKunstgewerbe.joHANNEsuRziDiL.
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