Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DE KOR AT ION

DAS KIND UND SEIN WOHNRAUM

Man hat den Wohnraum oft als eine Art Rahmen
betrachtet, der den Bewohner» faßt« und ihn erst
richtig zur Geltung bringt. Aber oft findet auch ein
umgekehrtes Verhältnis statt: der Mensch ist es, der
dem Raum zur Geltung verhilft, der ihm Sinn, Gestalt
und Ordnung verleiht. - Man kann das oft beim Büh-
nenraum beobachten, etwa bei einer Tanzdarbietung.
Da ist die Szene ein nüchternes Feld, von Vorhängen
eingeschlossen. Sie ist eigentlich gar kein Raum, sie
ist ein Bruchstück Räumlichkeit. Aber mit dem Au-
genblick, wo die Tänzerin mit ihren Schritten und
Wirbeln, mit Diagonal- und Tiefenbewegungen dieses
Feld erfüllt, gewinnt es Ordnung und Sinn; es ge-
winnt architektonische Realität. Es ist geradezu eine
Probe auf das Können des Tanzenden, ob es ihm
gelingt, durch seine Körperbewegungen den Raum zu
»organisieren« oder nicht. Für den Schauspieler gilt
das gleiche. Wer hat nicht schon erfahren, wie beim
Auftreten eines guten Schauspielers die Szene, die
vorher tot und dinglich dalag, sich plötzlich belebte
und ins Sprechen kam ? Wie ihre Einzelheiten Sinn
erhielten und wie dann schließlich der ganze Raum
zu einer zeichenhaften Bedeutung aufstieg ?

Das ist Kraft jener Art, die auch vom Kinde aus-
geht. Im kindlichen Leben ist etwas, das jeden Raum,
den es behaust, mit einem bestimmten Sinn erfüllt.
Wo ein Kind ins Spiel vertieft weilt, da ist die Welt
vollkommen, da strahlt ein ruhiges, bleibendes Licht,
in dem alle Dinge eine neue Würde, ein geistiges Ge-
wicht erhalten. Am schönsten kommt diese innere,
diese plastische, organisierende Kraft des kindlichen
Daseins zur Geltung, wo Einfachheit im Raum
herrscht. Denn da erst kann sie sich frei auswirken.
Manche Leute glauben, es sei einem Kinderzimmer
unbedingt nötig, daß sie, die Erwachsenen, ihre
eignen Vorstellungen von Kindlichkeit an die Wände
und auf die Möbel malen. Aber dabei kommen meist
nur »Kinderzimmer für Erwachsene« heraus. Ein
Kinderzimmer soll ein Raum sein, der dem kindlichen
Leben wirklich »Raum gibt« - nicht nur Raum für die
Bewegung, sondern vor allem Raum für die wesens-
eigene Strahlung des Kinderlebens. Dann wird sich
in ihm das Wunder begeben, daß die Dinge um das
spielende Kind her sich stillen und heimlich schön
werden, daß sie etwas Gesetzliches und Dauerhaftes
annehmen und sich zu einem höheren Sinn erheben.
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