Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKORATION

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NEUE GESTALTEN DES GEDECKTEN TISCHES

VON PROFESSOR GREGOR PAULSSON-STOCKHOLM

Man sieht neuerdings die Ausstattung des gedeck-
ten Tisches neue Wege beschreiten. Die Anre-
gung dazu kommt von den nordischen Ländern, vor-
nehmlich von Schweden. Diese Stiländerung des ge-
deckten Tisches strebt nach gewichtigeren, gedrunge-
neren Formen im Tafelgeschirr, sie bevorzugt sub-
stanziellere Werkstoffe (Holz, Stein, Steingut usw.).
Sie sucht im ganzen Ausdruck eine volkstümliche,
schlichte und handwerkliche Sprache zu sprechen.
Sie greift mit Vorliebe zu handfesten, trockenen For-
men, die sich von den bisher gepflegten zarten und
schwingenden Formen oft sehr deutlich abheben.
Schweden konnte zum Ausgangspunkt dieser Er-
neuerung werden, weil dort - man denke z. B. an
die hochstehende, auf alter Überlieferung ruhende
Gewebekunst des Landes mit ihren charaktervollen
Verfahren und Gestaltungen - die handwerkliche
Kunstübung noch heute die Volksgunst in breitestem
Maße für sich hat. In dieser neuen nordischen Auf-
fassung nähert sich z. B. der Teller mehr der Schüs-
sel- oder Plattenform, der Kerzenleuchter erscheint
als ein einfacher Klotz aus Holz oder Stein; die Holz-

platte, die gedrehte Holzdose meldet ihre Brauch-
barkeit auf dem Tisch an, wie auch in Schüsseln,
Tellern, Untersätzen usw. oft die einfachen Dreh-
Formen (mit stehendem Rand) auftreten.

Man darf sagen, daß diese Geschmackswendung im
gedeckten Tisch auf gute Art gewissen Lebensverän-
derungen Rechnung trägt, die überall in Europa ein-
getreten sind. Die Begriffe von »Eleganz«, von weit-
läufigem Lebenszuschnitt haben sich vereinfacht. Die
großen Gesellschaften sind seltener geworden, die
vielen Gänge beim Essen fallen fort, die Bedienung
bei Tisch ist vielfach zur Selbstbedienung geworden.
Das Lebensgefühl der Zeit ist durchgängig von einem
neuen Ernst gefärbt. Der Entwicklung des Schönen
und Gepflegten zum Überfeinerten ist der Weg ver-
legt, das neue Verhältnis zur Natur hat den Ge-
schmack für die unmittelbaren, gediegenen Formen
gefördert. Alle diese Umstände sieht man in der neuen
nordischen Entwicklung des gedeckten Tisches wirk-
sam werden.

Die Abbildungen, die wir hier bringen, entstammen
einer Ausstellung, die jüngst von dem bekannten
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