Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

Page: 223
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/innendekoration1935/0235
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
den Raum gliedern, ordnen und bedeutsam machen,
während um einen unbegabten Schauspieler der
Raum als ein toter Rohstoff liegen bleibt und uns
Mißbehagen bringt. Beim Betrachten von Raum-
bildern denken wir uns stets mit Neugier, mit Er-
lebnishunger in den Raum hinein. Das abgebildete
Zimmer geht uns nichts an, wir werden es nie in
Wirklichkeit betreten - aber wenigstens in der Vor-
stellung wollen wir uns in ihm bewegen.

Das Dritte ist die Lust am Raum-Gestalten.
Eine tiefe Befriedigung bereitet schon dem Kind das
Hüttenbauen, das Zimmerbauen. Wie schwelgt es in
lustvollen Raumgefühlen, wenn es sich eine Höhle
am Sandhang gegraben oder aus Kisten ein Haus ge-
baut hat, in dem es »wohnen« kann! Alljährlich wird

an Weihnachten für das kleine Mädchen die Puppen-
stube vom Boden heruntergeholt und vom Kinde neu
eingerichtet. Im späteren Leben vollends ist das Ein-
richten des ersten Heims und dann die Umgestaltung
bei Umzügen ein Fest, das tiefe Befriedigung spendet.
Es gäbe keine »Bauwut« bei Fürsten und andern Ge-
waltigen der Erde, wenn nicht ein Element Lust, ja
ein Element Rausch im Raumgestalten läge. Das
eigne Haus — welch ein Höhepunkt, welch eine
Vollendung der Lebensarbeit! In der eignen Gestal-
tung eines Hauses, einer Wohnung, eines Raumes
empfinden wir am tiefsten, daß wir etwas geleistet,
daß wir ein Stück Welt organisiert haben. Das ist
die Freude, die dem Architekten, dem Bauherrn,
der Hausfrau geschenkt ist. — Wilhelm michel
loading ...