Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNEN-DEKORATION

»SCHREIBTISCH« ESCHE NATUR-MASER ENTW. SENDKER-STUDIO —FRECKENHORST

BLUMEN AUF DEM ARBEITSTISCH

Wir lieben Blumen in unseren Wohnräumen. Sie papieren, den aufgeschlagenen Büchern und den Ge-
gehören zunächst zum Schmuck des Raumes, brauchsdingen, die sonst die Arbeit erfordern mag.
erfüllen das gleiche Verlangen wie die Farben der Warum stehen sie hier, wo Schmückendes sonst
Hölzer und Stoffe, die schönen Formen des Geräts, kaum seinen Platz hat ? Sie sind auf eigene Weise Ge-
der Schalen und der anderen Dinge. Sie gehören zu fährten des Arbeitenden. Sein Blick, wenn er sich hebt
den Elementen, die den Innenraum gestalten. Aber sie von Buch oder Blatt, ruht auf ihnen aus, der ange-
sind noch etwas darüber hinaus. Mit den Blumen ge- spannte Wille löst sich und sammelt sich neu im An-
seilt sich die Naturform, das atmende, in Blühen und schaun der Blumen, stärkt sich am Glück der Farbe
Vergehen lebendige Dasein zu den gestalteten Dingen; und an der unerschöpflichen Schönheit der Blüten-
ein leiser Gegensatz, in dem beide Bereiche sich heim- formen. In der Einsamkeit der Arbeitsstunde sind sie
lieh steigern. Es ist gewiß, daß Sinn und Funktion der mit ihrer stillen Gegenwart die immer willkommenen
Blumen in den Zimmern sich vielfach abwandeln, je Boten der Welt draußen. Wenn der einsame Gedanke
nach ihrer Stelle und Umgebung, von dem Blumen- ins Fernste und Grenzenlose sich zu verlieren droht,
brett am Fenster des Wohnzimmers, das die Brücke leitet der Anblick der Blumen zurück auf das Maß der
bildet zum Draußen, zur Natur, bis zur dekorativen Erde, der sie entstammen. Und sie mahnen den Ar-
Anordnung der Blumen im festlichen abendlichen beitenden, sie bewahren ihn vor dem Übermut des
Speiseraum. schöpferischen Selbst. Denn sie haben die Vollkom-
Und wie ist es im Arbeitszimmer ? Man findet zu- menheit des Gewachsenen gegenüber dem Gemach-
meist ein paar Blumen auf dem Arbeitstisch des gei- ten, die Überlegenheit der Natur über das Menschen-
stig Schaffenden, des Künstlers, des Gelehrten, des werk. Wie er sich auch müht, der Mann am Arbeits-
Schriftstellers, des Ingenieurs. Keine großen, dekora- tisch: wann wird sein Werk das eigenständige Leben,
tiven Blumen im allgemeinen, sondern zartere, und die in sich selbst ruhende Schönheit, die selbstver-
immer nur wenige: eine Rose vielleicht, zwei, drei ständliche Vollendung der Blumen erreichen, die da
rote Tulpen, ein paar Narzissen. Sie stehen da mitten vor ihm stehen? Aber es ist gut, ein solches Orga-
zwischen den Schreibgeräten oder den Zeichen- nisches, aus dem geheimen Gesetz seiner Bildung
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