Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 46.1935

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INNENDEKORATION

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SPRECHENDE MÖBEL

Aus schwebenden Ampeln fließt weiches, lautloses
. Licht. Blumen neigen in demütiger Grazie die
Köpfe, tiefe Sessel stehen einladend bereit, und die
Tischbeine machen einen Begrüßungsknicks. Spiel-
karten liegen aus und griffbereite Zigaretten, und
die lose verteilten Kissen auf der Sofabank scheinen
schon die Wärme menschlicher Körper zu atmen.

Es wird sicher nicht mehr lange dauern, bis sich
dieser Rahmen belebt. Schöne Frauen werden sich
lässig in die schimmernden Damastpolster schmiegen,
eine kleine Gruppe oder ein Paar wird sich an diesem
und an jenem Tisch zusammenfinden. Die Unter-
haltung ist leise und diskret, um den Nachbar nicht
zu stören, und in zarte Zigarettenrauchwolken ein-
gehüllt. Man spricht von Flugzeugreisen und vom
»train bleu«, von den guten Leistungen des eigenen
Hundertpferdigen, von dem letzten Besuch und den
Begegnungen und Erlebnissen in dieser Stadt oder in
diesem Kurort, kurz: man führt eines jener Ge-
spräche, die in eleganten Hotelhallen geführt werden,
meist von angerissenen Melodiefetzen aus dem an-
liegenden Restaurant, Cafe oder der Bar untermalt.

Vielleicht steht aber diese ganze Gruppe gar nicht
in der Hotelhalle. Vielleicht gehört sie in ein ge-
pflegtes, behagliches Klubhaus, und man ist an den

kleinen, runden Tischen eben zur Bridgepartie ver-
sammelt. An jedem einzelnen bildet sich eine eigene
abgeschlossene, winzige Welt für sich, die von den
jeweiligen Spielpartnern beherrscht und von den Kie-
bitzen belauscht wird, aber die durchgehende Bank
eint sie ebenso wie die gemeinsame Beschäftigung.

Man könnte sich auch denken, daß es der Raum
eines gepflegten, gastfreien Heimes sei, daß in dieser
Ecke nach einem repräsentativen Essen einige ge-
lehrte Köpfe bei Mokka, Likör und Zigarren zu-
sammensitzen und über Fragen diskutieren, die für
die gesamte Menschheit von Wert und Interesse
sind . . . Man kann sich in ihren Rahmen eine kleine
Spielhandlung hineinträumen, wie in die leere
Bühnenszenerie einen Moment, nachdem der Theater-
vorhang hochgegangen ist. Man muß sie einfach
»belebt« spüren, so stark ist die gesellige Atmosphäre,
so sehr entbehrt sie der Besucher, für die sie ge-
schaffen, daß unsere Phantasie fast unter einem
Zwang den Mangel ersetzt. Und dies ist bestes Kom-
pliment und das größte Lob, das man einem Möbel,
einem Raum, einem Entwurf machen kann. Ihm
die Beziehung zu seinem Besitzer und seinem Zweck
zu schaffen, wenn ihn nichts weiter belebt als eine
Ampel und ein paar Blumen auf dem Tisch ... t. h.
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