Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 47.1936
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https://doi.org/10.11588/diglit.10943#0168
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Nádai, Paul: Ungarische Raumkunst
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PROF. ANDREAS NOVÄK-BUDAPEST SCHLAFZIMMER EINER KÜNSTLERIN
UNGARISCHE RAUMKUNST
Budapest ist an beiden Ufern der Donau im Rah-
men einer freundlich heiteren Umwelt erbaut. An
seinem großstädtischen Horizont entwickelt es sich
zu westeuropäischen Dimensionen, und in seinem
Straßenbild blinken die Spiegelscheiben eleganter
Kaufläden auf. Aber kaum ein bis zwei Stunden von
diesem mondänen Leben entfernt, findet man noch
unverfälschte Volkskunst. Im Innern der in unge-
brochenen Farben prunkenden Bauernhäuser lebt
altes Hausgewerbe weiter. Die Frauen weben mit
bunten Fäden Teppiche, nähen mit feinen Nadeln
märchenschöne Spitzen. Um die altvaterischen Back-
öfen hängen glasierte, mit dem Bilde ländlicher Lie-
bespaare geschmückte Tonkrüge an der Wand. Und
die Kunst des Volkes verleiht in manchen Dörfern
der Festtracht eine wunderbare Farbenbuntheit.
All dies gibt den städtischen Künsten, in erster
Linie der Musik, dann der Malerei und dem Kunst-
gewerbe eine besondere Note. In Ungarn ist sogar die
sachliche Zimmereinrichtung farbiger als anderswo.
Selbst die funktionellen Möbel überraschen uns durch
Phantasie und melodische Anmut, durch die Bunt-
heit der Bezüge, die interessante Textur des Holzes.
Diese heitere Behaglichkeit wurde auch stets von
der Nähe Wiens und Münchens genährt. Das heitere
Barock der österreichischen Hauptstadt wird in Un-
garn schon seit hundertfünfzig Jahren von Herren-
sitzen und Kirchen widergespiegelt. Die süddeut-
sche Gemütsart begann dann gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts auch die Atmosphäre der Familien-
häuser und der Kleinkunst zu durchwärmen.
Die Wirkung dieser vielfältigen Strahlungsener-
gien offenbarte sich in den letzten Monaten in einer
großangelegten Wohnungsausstellung in Bu-
dapest »Schönes Heim — Glückliches Leben«, zu-
gleich die Jubiläumskundgebung der seit einem hal-
ben Jahrhundert bestehenden Ungarischen Kunst-
gewerbegesellschaft. Alte und Neue hatten sich zu-
sammengetan, um in erster Linie in ungarischem
Material und mit ungarischem Charakter zeitge-
mäßer Behaglichkeit formenden Ausdruck zu geben.
Anhänger der strengen Sachlichkeit und der orna-
mentalen Schönheit ergänzten einander. Es gab
Räume für den weltstädtischen Verkaufsladen, für
UNGARISCHE RAUMKUNST
Budapest ist an beiden Ufern der Donau im Rah-
men einer freundlich heiteren Umwelt erbaut. An
seinem großstädtischen Horizont entwickelt es sich
zu westeuropäischen Dimensionen, und in seinem
Straßenbild blinken die Spiegelscheiben eleganter
Kaufläden auf. Aber kaum ein bis zwei Stunden von
diesem mondänen Leben entfernt, findet man noch
unverfälschte Volkskunst. Im Innern der in unge-
brochenen Farben prunkenden Bauernhäuser lebt
altes Hausgewerbe weiter. Die Frauen weben mit
bunten Fäden Teppiche, nähen mit feinen Nadeln
märchenschöne Spitzen. Um die altvaterischen Back-
öfen hängen glasierte, mit dem Bilde ländlicher Lie-
bespaare geschmückte Tonkrüge an der Wand. Und
die Kunst des Volkes verleiht in manchen Dörfern
der Festtracht eine wunderbare Farbenbuntheit.
All dies gibt den städtischen Künsten, in erster
Linie der Musik, dann der Malerei und dem Kunst-
gewerbe eine besondere Note. In Ungarn ist sogar die
sachliche Zimmereinrichtung farbiger als anderswo.
Selbst die funktionellen Möbel überraschen uns durch
Phantasie und melodische Anmut, durch die Bunt-
heit der Bezüge, die interessante Textur des Holzes.
Diese heitere Behaglichkeit wurde auch stets von
der Nähe Wiens und Münchens genährt. Das heitere
Barock der österreichischen Hauptstadt wird in Un-
garn schon seit hundertfünfzig Jahren von Herren-
sitzen und Kirchen widergespiegelt. Die süddeut-
sche Gemütsart begann dann gegen Ende des vorigen
Jahrhunderts auch die Atmosphäre der Familien-
häuser und der Kleinkunst zu durchwärmen.
Die Wirkung dieser vielfältigen Strahlungsener-
gien offenbarte sich in den letzten Monaten in einer
großangelegten Wohnungsausstellung in Bu-
dapest »Schönes Heim — Glückliches Leben«, zu-
gleich die Jubiläumskundgebung der seit einem hal-
ben Jahrhundert bestehenden Ungarischen Kunst-
gewerbegesellschaft. Alte und Neue hatten sich zu-
sammengetan, um in erster Linie in ungarischem
Material und mit ungarischem Charakter zeitge-
mäßer Behaglichkeit formenden Ausdruck zu geben.
Anhänger der strengen Sachlichkeit und der orna-
mentalen Schönheit ergänzten einander. Es gab
Räume für den weltstädtischen Verkaufsladen, für


