Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 47.1936
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https://doi.org/10.11588/diglit.10943#0269
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Pütz, Friedrich: Antike Möbel?
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INNEN-DEKO RATION
257
»ZIMMER DES SOHNES« WOHNUNO 1NO. S. BÜCHERECKE MIT VORZIEHBARER COUCH
ANTIKE MÖBEL?
VON INNENARCHITEKT FRIEDRICH PÜTZ
Antiquitäten sammeln kann man als Kunst, als und Können verehren. Es ist ein Erbgut, das uns vor
xV Wissenschaft oder als eine Marotte betreiben. Es Leistungshochmut bewahrt und immer wieder lehrt,
kommt dabei auf die Beweggründe, die Kenntnisse was »Stil« ist, das heißt nicht Stil als formaler histo-
und auch auf etwas Finderglück an. Der Privatmann, rischer Begriff, sondern Stil als die Einheit von Zeit,
der antike Möbel liebt und sucht, wird sie in der Werk und Schöpfer.
Hauptsache zur Ausstattung seiner Wohnung ver- Um den Rückgewinn solcher kulturellen Vollkom-
wenden wollen. Es ist keine Frage, daß zum Beispiel menheit ringt die moderne Welt seit einem Jahr-
bei der Herrichtung von Repräsentationsräumen altes hundert schon; vielleicht, daß uns Deutschen nach
kunsthandwerkliches Kulturgut es sehr erleichtert, dem geistigen Umbruch der Nation ein neues Jahr-
eine besonders wirksame Raumstimmung, ein Flui- hundert der Gestaltung beschieden ist. Weil wir die
dum von alter Tradition und Lebenskunst zu schaffen, aus der seelischen Echtheit herrührende künstlerische
das jeden Besucher gefangennimmt. Das ist vielleicht Kraft vergangener Epochen lieben, ahmen wir jene
der Hauptgrund, warum viele Menschen, die diese Stilarten nach, ahmen sie mit größter äußerer Echt-
Atmosphäre lieben, in Nichtachtung der Frage »Stil heit nach und schaffen doch — ein Falsches. Wir üben
oder Modern« an jener Einrichtungsart festhalten. einen grotesken Selbstbetrug, wenn wir uns zum Bei-
Künstlerischen Wert hat diese natürlich nur, wenn spiel antike Möbel hinstellen, deren Alter, Verbraucht-
die Stildinge wirklich Leistungen ihrer Epoche sind, heit, Verschrammung, Holzrisse und Wurmlöcher
Originale, die vom Lebensgefühl, von der handwerk- von einer raffinierten Täuschungsindustrie, die in
liehen Meisterschaft und dem Kunstverstand ihrer Frankreich und Belgien ganz groß aufgezogen ist,
Schöpfer Zeugnis geben. Geistiges ist darin be- wirklich bewunderungswürdig nachgemacht sind,
schlössen, das wir wegen der Harmonie von Wollen Hier wird mit äußerlichen Effekten, dem Schein »als
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»ZIMMER DES SOHNES« WOHNUNO 1NO. S. BÜCHERECKE MIT VORZIEHBARER COUCH
ANTIKE MÖBEL?
VON INNENARCHITEKT FRIEDRICH PÜTZ
Antiquitäten sammeln kann man als Kunst, als und Können verehren. Es ist ein Erbgut, das uns vor
xV Wissenschaft oder als eine Marotte betreiben. Es Leistungshochmut bewahrt und immer wieder lehrt,
kommt dabei auf die Beweggründe, die Kenntnisse was »Stil« ist, das heißt nicht Stil als formaler histo-
und auch auf etwas Finderglück an. Der Privatmann, rischer Begriff, sondern Stil als die Einheit von Zeit,
der antike Möbel liebt und sucht, wird sie in der Werk und Schöpfer.
Hauptsache zur Ausstattung seiner Wohnung ver- Um den Rückgewinn solcher kulturellen Vollkom-
wenden wollen. Es ist keine Frage, daß zum Beispiel menheit ringt die moderne Welt seit einem Jahr-
bei der Herrichtung von Repräsentationsräumen altes hundert schon; vielleicht, daß uns Deutschen nach
kunsthandwerkliches Kulturgut es sehr erleichtert, dem geistigen Umbruch der Nation ein neues Jahr-
eine besonders wirksame Raumstimmung, ein Flui- hundert der Gestaltung beschieden ist. Weil wir die
dum von alter Tradition und Lebenskunst zu schaffen, aus der seelischen Echtheit herrührende künstlerische
das jeden Besucher gefangennimmt. Das ist vielleicht Kraft vergangener Epochen lieben, ahmen wir jene
der Hauptgrund, warum viele Menschen, die diese Stilarten nach, ahmen sie mit größter äußerer Echt-
Atmosphäre lieben, in Nichtachtung der Frage »Stil heit nach und schaffen doch — ein Falsches. Wir üben
oder Modern« an jener Einrichtungsart festhalten. einen grotesken Selbstbetrug, wenn wir uns zum Bei-
Künstlerischen Wert hat diese natürlich nur, wenn spiel antike Möbel hinstellen, deren Alter, Verbraucht-
die Stildinge wirklich Leistungen ihrer Epoche sind, heit, Verschrammung, Holzrisse und Wurmlöcher
Originale, die vom Lebensgefühl, von der handwerk- von einer raffinierten Täuschungsindustrie, die in
liehen Meisterschaft und dem Kunstverstand ihrer Frankreich und Belgien ganz groß aufgezogen ist,
Schöpfer Zeugnis geben. Geistiges ist darin be- wirklich bewunderungswürdig nachgemacht sind,
schlössen, das wir wegen der Harmonie von Wollen Hier wird mit äußerlichen Effekten, dem Schein »als


