Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 47.1936
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https://doi.org/10.11588/diglit.10943#0289
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"Ferien vom Ich"
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INNEN-DE KO RATION
277
FERIEN VOM ICH
Es gibt Wohnräume, die den Menschen nicht als
eine bestimmte Einzelpersönlichkeit anreden,
sondern als Gesellschaftsmenschen, als Glied und Teil-
haber dessen, was wir »Zivilisation« nennen. Das sind
die Hotelzimmer, die Gasträume zu Wasser, Land
und Luft, die wir als Reisende in zahlreichen Formen
zu durchwandern haben. Im eignen Haus kann man
jedes Gerät verändern und verstellen; man kann den
Raum nach dem Gesetz des eignen Wesens prägen.
Das fällt beim Gasthofzimmer, bei der Dampfer-
kabine weg; sie treten uns fertig und objektiv, gleich-
sam uniformiert entgegen. Von einer gewissen Seite
her können sie als »Fallen« gelten, in die wir uns be-
geben. In dem Augenblick, da wir das Hotelzimmer
hinter uns verriegeln, hat es auch uns eingeriegelt
und in seinen fremden Zusammenhang hereingenom-
men. - Aber ist es wirklich nur »Fremdes«, in das wir
da hereingezogen werden ? Nein, es ist etwas, das
einen echten Anspruch an uns hat! Heißen wir es
die Zivilisation, das Gesellschaftliche, die allgemeine
Lebensform — auf alle Fälle geht es uns an. Es redet
uns an, nicht persönlich, sondern kategorienmäßig,
es empfängt und packt uns nicht bei dem, was wir
für uns allein haben, sondern bei dem, was wir mit
vielen gemeinsam haben - und eben darin liegt die
eigenartig erfrischende Wirkung, die von solchen
Räumen ausgehen kann! Was das Reisen überhaupt
dem Menschen bringt, das leistet schon rein dinglich
der Gastraum, das Gehäuse, das uns als Reisende um-
pfängt: Ferien vom Ich, Eintritt in das Unpersön-
liche, Einreihung in die große Zahl, Behandlung nach
allgemeinen Gesichtspunkten, in denen wir doch so
viel Bedachtnahme auf eine durchgängige gute Le-
bensform finden. Eine Art Untertauchen ins Allge-
meine, ja ins Anonyme findet statt, es spült schon
durch das dingliche Gefüge des Raumes eine kräftige
Welle »Welt« an uns heran, ein Schwimmergefühl so-
zusagen, das erheitert und belebt.
Darin liegt zugleich begründet, daß nur ein Archi-
tekt, in dem der Begriff des Allgemein-Gesellschaft-
lichen lebhaft und farbig dasteht, solchen Räumen die
rechte Form geben kann — die Form, die das »Hinaus
über das tägliche Ich und Selbst« suggestiv und leicht
an den Gast heranzutragen vermag. — H. L.
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FERIEN VOM ICH
Es gibt Wohnräume, die den Menschen nicht als
eine bestimmte Einzelpersönlichkeit anreden,
sondern als Gesellschaftsmenschen, als Glied und Teil-
haber dessen, was wir »Zivilisation« nennen. Das sind
die Hotelzimmer, die Gasträume zu Wasser, Land
und Luft, die wir als Reisende in zahlreichen Formen
zu durchwandern haben. Im eignen Haus kann man
jedes Gerät verändern und verstellen; man kann den
Raum nach dem Gesetz des eignen Wesens prägen.
Das fällt beim Gasthofzimmer, bei der Dampfer-
kabine weg; sie treten uns fertig und objektiv, gleich-
sam uniformiert entgegen. Von einer gewissen Seite
her können sie als »Fallen« gelten, in die wir uns be-
geben. In dem Augenblick, da wir das Hotelzimmer
hinter uns verriegeln, hat es auch uns eingeriegelt
und in seinen fremden Zusammenhang hereingenom-
men. - Aber ist es wirklich nur »Fremdes«, in das wir
da hereingezogen werden ? Nein, es ist etwas, das
einen echten Anspruch an uns hat! Heißen wir es
die Zivilisation, das Gesellschaftliche, die allgemeine
Lebensform — auf alle Fälle geht es uns an. Es redet
uns an, nicht persönlich, sondern kategorienmäßig,
es empfängt und packt uns nicht bei dem, was wir
für uns allein haben, sondern bei dem, was wir mit
vielen gemeinsam haben - und eben darin liegt die
eigenartig erfrischende Wirkung, die von solchen
Räumen ausgehen kann! Was das Reisen überhaupt
dem Menschen bringt, das leistet schon rein dinglich
der Gastraum, das Gehäuse, das uns als Reisende um-
pfängt: Ferien vom Ich, Eintritt in das Unpersön-
liche, Einreihung in die große Zahl, Behandlung nach
allgemeinen Gesichtspunkten, in denen wir doch so
viel Bedachtnahme auf eine durchgängige gute Le-
bensform finden. Eine Art Untertauchen ins Allge-
meine, ja ins Anonyme findet statt, es spült schon
durch das dingliche Gefüge des Raumes eine kräftige
Welle »Welt« an uns heran, ein Schwimmergefühl so-
zusagen, das erheitert und belebt.
Darin liegt zugleich begründet, daß nur ein Archi-
tekt, in dem der Begriff des Allgemein-Gesellschaft-
lichen lebhaft und farbig dasteht, solchen Räumen die
rechte Form geben kann — die Form, die das »Hinaus
über das tägliche Ich und Selbst« suggestiv und leicht
an den Gast heranzutragen vermag. — H. L.


